10.1.1 Die ukrainische Perspektive

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10.1.1 Die ukrainische Perspektive

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Die Inhalte dieses Kapitels kurz zusammengefasst und in Zusammenhang gesetzt.
Welche Details oder Fakten wurden hier nicht erwähnt, sind aber für dich besonders spannend oder neu?
In diesem Kapitel erhältst du umfassende Informationen. Los geht's!

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Der legendäre Herrscher Wladimir I. aus ukrainischer Sicht

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Wolodymyr der Große

Wolodymyr (geboren um 960 bei Pskow, gestorben am 15. Juli 1015 in Berestowo bei Kiew) war der Fürst eines vielgestaltigen Reiches mit Zentrum in Kiew – einer Stadt, die auf dem Gebiet der heutigen Ukraine liegt. Das von ihm geschaffene Reich, die Kiewer Rus, war ein multiethnisches Gebilde: slawische Stämme, Waräger (skandinavische Krieger), finno‑ugrische und andere Völker lebten in der Rus, bebauten als ursprünglich freie Bauern das Land, gründeten Siedlungen und betrieben Handel. Wolodymyrs Macht gründete in der Kontrolle über Kiew und die Dnjepr‑Handelswege. Aus ukrainischer Perspektive gehört Kiew, die Stadt Wolodymyrs, zur eigenen historischen Mitte – nicht zu einem entfernt liegenden Moskau, das damals noch keine dominante Rolle spielte. Dass Wolodymyr im Jahr 988 das Christentum annahm und die Menschen im Dnjepr taufen ließ, war ein Wendepunkt der Geschichte eines Reiches, dessen politischer und kultureller Kern im heutigen ukrainischen Raum liegt. Aus der Tradition der Kiewer Rus entstanden später verschiedene Entwicklungen: Ein Teil der Gebiete geriet unter litauisch‑polnische Herrschaft, ein anderer unter das Moskauer Fürstentum. Aus dieser Verzweigung ergaben sich unterschiedliche Sprachen, Kulturen und Staatsbildungen. Wolodymyr ist kein exklusiv „russischer Heiliger", sondern Teil der ukrainischen (und auch belarussischen) Frühgeschichte, die sich Russland im 19. und 20. Jahrhundert einseitig „angeeignet" hat.

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Urheber: Von Sergiy Klymenko

https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5171048

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Wladimir I.-Statue in Kiew - Der Begründer einer Nation?

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Urheber: Safa.daneshvar

https://en.wikipedia.org/wiki/Monument_to_Vladimir_the_Great#/media/File:030522-Moscow-IMG_8865-2.jpg

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Wladimir I.-Statue in Moskau - eine Provokation?

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Aufgabe

  1. Lies dir auch die russische Perspektive durch. 
    Arbeite stichpunktartig die Unterschiede in den beiden Perspektiven zu Wolodymyr/Wladimir als Herrscher der Kiewer Rus heraus.
  2. Fasse diese Unterschiede aus der jeweiligen Perspektive in einem markanten Satz zusammen.
  3. Vermute Gründe für diese unterschiedliche Darstellung. Beziehe dabei folgende Fragen ein: 
    1. Wozu dienen solche Geschichten über die Vergangenheit eines Landes oder Volkes?
    2. Warum werden die Unterschiede in den Geschichten in Zeiten des Krieges besonders betont? 

Die Ukraine vom 14. bis zum 17. Jahrhundert - Kampf gegen Polen und Litauen

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Zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert entwickelten sich Russland und die Ukraine getrennt. Die Erinnerungen an diese Zeit waren unterschiedlich und prägten die nationalen Mythen beider Länder.

Zu dieser Zeit stand das Gebiet der heutigen Ukraine fast vollständig unter der Herrschaft von Polen-Litauen. Diese Epoche prägte das Land stark und beeinflusst die ukrainische nationale Selbstwahrnehmung bis heute. Für viele Menschen galt sie als eine Zeit der Fremdherrschaft, da der polnisch-litauische Adel die Bevölkerung politisch und sozial benachteiligte. Auch die Ausbreitung der katholischen Kirche wurde als Bedrohung für den orthodoxen Glauben wahrgenommen.

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https://de.wikipedia.org/wiki/Kosaken#/media/Datei:Cossack_Mamay_1st_half_of_19th_c_(4).jpg

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"Kosak Mamaj mit Kobsa", unbek. Maler, Anfang 19. Jahrhundert, Öl auf Leinwand, Nationales Kunstmuseum der Ukraine

Anders als in Russland führten in der Ukraine jedoch nicht die Fürsten den Widerstand gegen die Unterdrückung an. Diese Rolle übernahmen die Kosaken. Sie wurden zu wichtigen Trägern des Widerstands und zu Symbolfiguren der ukrainischen Geschichte. Ihre Ideale von Freiheit, Gleichheit und Gemeinschaft prägen den ukrainischen Nationalmythos bis heute.
Gleichzeitig erinnert man sich auch an positive Seiten dieser Zeit. Unter der Herrschaft von Polen-Litauen war die Ukraine eng in europäische Netzwerke eingebunden und pflegte intensive kulturelle und wirtschaftliche Kontakte zu anderen Teilen Europas.

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Darstellung

Der Ursprung des ukrainischen nationalen Mythos

Im 16. Jahrhundert hatten sich an den Flüssen Dnjepr und Don am Rand der Steppe Grenzergemeinschaften formiert, die sich aus entlaufenen Bauern und Abenteurern rekrutierten. Die Kosaken waren im Kampf gegen die tatarischen Reiternomaden geschulte Krieger, die sich dem Zugriff Polens und Moskaus weitgehend entzogen. Sie hatten eine egalitäre politische Ordnung. Der Ring oder Rat der Kosaken wählte ihren Anführer, den Hetman oder Ataman, und traf die wichtigsten Entscheidungen. Die Kosaken dienten als Grenzwächter gegenüber den Tataren und zeichneten sich als Piraten auf dem Schwarzen Meer und als Anführer von Volksaufständen aus. [...] Sie bezeichneten sich nach ihrem Zentrum „hinter den Stromschnellen" (za porohami) des Dnjepr als Zaporožer (Zaporoher) Kosaken.

Andreas Kappeler, Ungleiche Brüder – Russen und Ukrainer. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München (C. H. Beck) 2017, S. 49

Kosaken und Kosakenromantik

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Kosaken spielen in ukrainischen Nationalerzählungen eine wichtige Rolle. Einerseits, weil sie größtenteils aus der ukrainischen Bevölkerung stammten und ihr Herrschaftsgebiet in der heutigen Ukraine gegen „fremde Mächte" verteidigten – vor allem gegen Polen und Türken. Andererseits, weil das Hetmanat, das "Reich" der Kosaken, gerne als frühdemokratisches Herrschaftsmodell dargestellt wird, in dem mutige, freie und gleiche Menschen gemeinsam über ihre Angelegenheiten entschieden. Diese „Kosakenromantik" wird in verschiedenen Filmen, Liedern und historischen Darstellungen ausgedrückt.

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Lied Film Reenactment
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Das „Lied der Saporoger Kosaken", deutsches Fahrtenlied
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Trailer zum Film „Taras Bulba" (1962)
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Kosaken-Reenactment auf der Insel Chortyzja im Dnjepr, dem historischen Zentrum das Kosaken-Hetmanats
Lied Film Reenactment
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Wie üblich bei historischen Romantisierungen sind die tatsächlichen historischen Abläufe etwas komplizierter.

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Darstellung

Nicht nur frei und demokratisch

Den von Hetman Chmel'nyc'kyj (1595–1657) angeführten Kosaken […] gelang es, den größten Teil der Ukraine von der Herrschaft Polens zu befreien. Die polnischen [...] Adligen, die katholischen Geistlichen und die Juden, die meist im Dienst des Adels standen, wurden vertrieben oder getötet. Die schrecklichen Judenpogrome forderten mindestens 20 000 Opfer und warfen einen Schatten auf den später als nationale Revolution gefeierten Volksaufstand. […]

Chmel'nyc'kyj ging nun daran, in der Ukraine einen unabhängigen Herrschaftsverband, das sogenannte Hetmanat, zu begründen, der nach dem egalitären Muster der Kosakenheere organisiert war und offiziell als Saporožer Heer bezeichnet wurde. Die leibeigenen Bauern wurden befreit und zu freien Kosaken erklärt. [...]

Im ukrainischen historischen Narrativ ist das Hetmanat der erste ukrainische Nationalstaat, ein Vorläufer der heutigen unabhängigen Ukraine.

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Darstellung

Freiwillig unter russische Herrschaft

Die Unabhängigkeit des kosakischen Hetmanats in der heutigen Ukraine währte nicht lange. Das benachbarte polnisch-litauische Reich wollte die Kosaken wieder unter seine Herrschaft bringen und drohte, das Hetmanat zurückzuerobern. Die Kosaken brauchten einen Verbündeten oder Schutzherren und wandten sich an ihren anderen Nachbarn: das russische Zarenreich. Die Kosaken baten den Zaren mehrfach darum, „das Zaporožer Heer unter seine Hand zu nehmen". 1654 willigte der Zar schließlich ein. In der Vereinbarung von Perejaslav trat das Hetmanat dem russischen Zarenreich bei und die Kosaken leisteten dem Zaren den Treueeid.

Lukas Epperlein, nach Andreas Kappeler, Ungleiche Brüder – Russen und Ukrainer. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München (C. H. Beck) 2017, S. 57

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Quelle

Unterschiede der nationalen Erinnerung

„Der größte Teil der nationalen Unterschiede zwischen den Ukrainern und Moskowien kann damit erklärt werden, dass die Ukraine bis zum 18. Jahrhundert stärker mit Westeuropa verbunden war und trotz einer Verzögerung [...] gemeinsam mit Westeuropa am sozialen und kulturellen Fortschritt teilhatte".

Zitiert nach: M.P. Dragomanov, Avtobiografja, in: Byloe God I, No. 6, ijun' 1906, S. 182-213, hier S. 197.

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Quelle

Die Saporoger Kosaken schreiben dem Sultan einen Brief

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Urheber: Ilja Jefimowitsch Repin

https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=158198

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Darstellung der Soldaten beim Verfassen des Briefs an den Sultan

Im Jahr 1676 versuchte der türkische Sultan, das Gebiet der heutigen Ukraine zu erobern. Der Sultan schickte den dort siedelnden Kosaken einen Brief, in dem er ihnen vorschlug, sich seiner Herrschaft zu unterwerfen. Die Kosaken antworteten auf diesen Brief (angeblich) mit einem eigenen Brief, in dem sie in etwa Folgendes schrieben:

„Du türkischer Teufel, Bruder und Genosse des verfluchten Teufels und des leibhaftigen Luzifers Sekretär! Was für ein Ritter bist du zum Teufel, wenn du nicht mal mit deinem nackten Arsch einen Igel töten kannst? Was der Teufel scheißt, frisst dein Heer. Du wirst keine Christensöhne unter dir haben. Dein Heer fürchten wir nicht, werden zu Wasser und zu Lande uns mit dir schlagen, gefickt sei deine Mutter!

Du Küchenjunge von Babylon, Radmacher von Mazedonien, Ziegenhirt von Alexandria, Bierbrauer von Jerusalem, Sauhalter des großen und kleinen Ägypten, Schwein von Armenien, tatarischer Geißbock, Verbrecher von Podolien, Henker von Kamenez und Narr der ganzen Welt und Unterwelt, dazu unseres Gottes Dummkopf, Enkel des leibhaftigen Satans und der Haken unseres Schwanzes. Schweinefresse, Stutenarsch, Metzgerhund, ungetaufte Stirn, gefickt sei deine Mutter!

So haben dir die Saporoger geantwortet, Glatzkopf. Du bist nicht einmal geeignet, christliche Schweine zu hüten. Nun müssen wir Schluss machen. Das Datum kennen wir nicht, denn wir haben keinen Kalender. Der Mond ist im Himmel, das Jahr steht im Buch und wir haben den gleichen Tag wie ihr. Deshalb küss unseren Hintern!

Unterschrieben: Der Lager-Ataman Iwan Sirko mitsamt dem ganzen Lager der Saporoger Kosaken"

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Aufgabe

Wer und wie sind Kosaken?

  1. Arbeite den Abschnitt „Die Ukraine vom 14. bis zum 17. Jahrhundert - Kampf gegen Polen und Litauen" durch.
  2. Erläutere mit eigenen Worten die geschilderten Eigenschaften von Kosaken.
  3. Diskutiere in Partnerarbeit, ob diese Eigenschaften für die heutige Ukraine als Vorbild dienen können. Begründe deine Position.

Die Ukraine im russischen Zarenreich

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Die Ukraine wurde im Russischen Zarenreich (ab 1721) als „Grenzland" (ukr. „Ukraïna") bezeichnet. Trotz autonomer Rechte unterlag sie auch immer mehr einer Russifizierung. Nach dem Vertrag von Perejaslaw 1654 fiel das Kosaken-Hetmanat schrittweise an Russland.​ Zwischen 1654 und 1775 existierte eine Kosakenautonomie im östlichen Teil der historischen Dnjepr-Ukraine, also links (östlich) des Dnjepr.

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Urheber: Dim Grits

https://de.wikipedia.org/wiki/Neurussland#/media/Datei:New_Russia_on_territory_of_Ukraine.png

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Karte „Neurussland“ (territoriale Angaben aus dem späten 19. Jahrhundert)

Doch die Autonomie wurde der Ukraine durch die Zaren immer mehr genommen. Seit Beginn des 18. Jahrhunderts gab es eine russische Zentralverwaltung im linksufrigen Ukrainegebiet (Hetmanat). Nach der Niederschlagung des Mazepa-Aufstands im Großen Nordischen Krieg wurde das russische Streben zur vollen Einverleibung der Ukraine immer stärker. Im Jahr 1783 annektierte die Zarin Katharina II. die Krim und die Südukraine (genannt „Neurussland"). Dadurch wurden viele Krimtataren vertrieben und Siedler ins Land geschickt – russische, aber zum Beispiel auch deutsche. Im 19. Jahrhundert setzte sich das fort. Infolge der sogenannten „Kleinrussland"-Politik wurde die ukrainische Sprache verboten, die ukrainische Nationalbewegung unterdrückt und der Donbass industrialisiert. Russland sah die Ukraine als integralen Teil, während ukrainische Eliten Autonomie forderten.

Exkurs: Geschichte als Argument - die ukrainische Sicht auf den Vertrag von Perejaslaw (1654)

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Vertrag von Perejaslaw Aufgabe Was wurde in der Vereinbarung von Perejaslaw festgehalten? Sichtweisen auf die Vereinbarung von Perejaslaw: die ukrainische Perspektive
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Urheber: Post der UdSSR

https://de.wikipedia.org/wiki/Vertrag_von_Perejaslaw#/media/Datei:1954._300-летие_воссоединения_Украины_с_Россией.jpg

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Die Versammlung (ukr. Rada") von Perejaslaw auf einer sowjetischen Briefmarke aus dem Jahr 1954

Der Vertrag von Perejaslaw (1654) wurde in Russland und der Sowjetunion als symbolischer Beginn der politischen Vereinigung zwischen dem ukrainischen Kosakenstaat (Hetmanat) und dem Zarenreich Russland betrachtet. Unterzeichnet wurde er in Perejaslaw. Er sah eine Allianz vor, bei der das ukrainische Hetmanat unter den Schutz und die Oberhoheit des russischen Zaren trat. 

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Urheber: Хрещатий яр, Київ

https://de.wikipedia.org/wiki/Vertrag_von_Perejaslaw#/media/Datei:%D0%A5%D1%80%D0%B5%D1%89%D0%B0%D1%82%D0%B8%D0%B9_%D1%8F%D1%80,_%D0%9A%D0%B8%D1%97%D0%B2,_Ukraine_-_panoramio_-_Leonid_Andronov.jpg

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Die in den Zeiten der Sowjetunion (1981) errichtete Skulptur unter dem „Bogen der Völkerfreundschaft" in Kiew. Symbolische Bedeutung: Ukrainer und Russen schließen 1654 die Vereinbarung von Perejaslaw und gehören damit zusammen.

Der Perejaslaw-Vertrag wurde als der Moment dargestellt, der die Vereinigung und Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern begründete, obwohl viele Aspekte dieses „Vertrags" aus der Sicht der Ukraine damals problematisch und nicht wirklich freiwillig waren.

Aufgabe

Politische Propaganda

Die 300-jährigen „Wiedervereinigungsfeiern" im Jahr 1954 wurden von der sowjetischen Regierung organisiert, um die historische Bindung zwischen der Ukraine und Russland zu betonen und die Einheit innerhalb der Sowjetunion zu stärken. Zu dieser Zeit war die Ukraine Teil der Sowjetunion. Die Feiern dienten auch der politischen Propaganda, um das sowjetische Nationalbewusstsein zu fördern und die Beziehung zwischen der russischen und ukrainischen Bevölkerung zu festigen.

  1. Erläutere Gründe dafür, dass die Sowjetunion aus dem Vertrag von Perejaslaw (1654) eine „Wiedervereinigung“ machte.
  2. Finde ähnliche Beispiele aus der Gegenwart, die Geschichte für eigene politische Zwecke zu nutzen.
  • Die Mehrheit der Kosaken, die sich in Perejaslaw versammelten, leistete in Anwesenheit des russischen Bojaren und Botschafters einen Treueeid auf den Zaren.
  • Das taten später auch Kosaken in vielen Dörfern des Djnepr-Gebietes.
  • Die Kosaken erhielten das Recht der freien Wahl ihrer Hetmane (Anführer) zugesichert.
  • Das stehende Heer der Kosaken wurde auf 60 000 Mann erhöht.
  • Kosakische Adlige erhielten Besitzstandrechte über ihre Ländereien.
  • Der Zar verpflichtete sich zum Schutz der Ukraine.
  • Das Bündnis war nicht auf ewig angelegt, sondern nur für die Zeit des Schutzes gegen die Bedrohungen durch Polen-Litauen.
  • Es war ein völkerrechtliches Abkommen zweier unabhängiger Staaten.
  • Der Zar hat keinen Eid auf den Vertrag geleistet.
  • Die Kosaken sind vom Zaren betrogen worden, der die Ukraine vertragswidrig in eine russische Kolonie verwandelte.
Vertrag von Perejaslaw Aufgabe Was wurde in der Vereinbarung von Perejaslaw festgehalten? Sichtweisen auf die Vereinbarung von Perejaslaw: die ukrainische Perspektive

Die ukrainische Nationalbewegung nach 1917

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Urheber: Digitale Lernwelten GmbH

https://de.wikipedia.org/wiki/Wolodymyr_Wynnytschenko#/media/Datei:Vynnychenko.jpg

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Wolodymyr Wynnytschenko (1880–1951), Regierungschef der Ukrainischen Volksrepublik

Das Zarenreich ging 1917 unter. Die Bolschewiki übernahmen die Macht und begannen, eine kommunistische Diktatur aufzubauen. Verschiedene ukrainische Nationalbewegungen versuchten zwischen 1917 und 1919, einen ukrainischen Nationalstaat zu gründen. Allerdings waren diese Staatsgründungen sehr kurzlebig, weil sie sich entweder untereinander bekämpften oder von benachbarten Staaten bekämpft wurden. Die letzte dieser ukrainischen Staatsgründungen fiel dann 1919 der Eroberung großer Teile der Ukraine durch die Rote Armee zum Opfer. Erst daraufhin gründeten die Bolschewiki die Ukrainische Sowjetrepublik in der von ihnen eroberten Ukraine.

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Überblick über ukrainische Staatsgründungen
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United Ukrainians fighting both Polish and Russian forces.
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Urheber: unbekannt

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ukrainian-nationalism-1920.jpg

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Eine Postkarte von 1920: Die Ukraine (Frau in der Mitte) wird gegen polnische (links) und russische (rechts) Angreifer verteidigt.

1919 Ukraine Peoples Republic Diplomatic passport issued for serving in Switzerland.
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Urheber: Huddyhuddy

https://en.wikipedia.org/wiki/File:1919_Ukraine_DIPLOMATIC_pass._-_Vienna.jpg

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Ein Diplomatenpass der Ukrainischen Volksrepublik aus dem Jahr 1919

Grenzziehung der Ukrainischen Republik, wie sie von der ukrainischen Delegation auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 präsentiert wurde
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Urheber: Photo was published by likbez.org.ua. Watermark was removed by user:AlexKozur.

https://en.wikipedia.org/wiki/File:Map_of_Ukraine_for_Paris_Peace_Conference.jpg

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Diese Karte wurde von der ukrainischen Delegation bei den Pariser Friedensverhandlungen 1919 vorgelegt. Sie zeigt die von der damaligen ukrainischen Regierung angestrebten Grenzen eines unabhängigen ukrainischen Staates.

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Darstellung

Hatte die Ukraine das, was ein Nationalstaat braucht?

Am Ende des Ersten Weltkriegs wurden in Osteuropa auf dem ehemaligen Territorium der Vielvölkerreiche Russland und Österreich-Ungarn viele Staaten neu gegründet. Möglich war das vor allem deshalb, weil Österreich-Ungarn den Krieg verloren hatte und die Zarenherrschaft zusammengebrochen war. Auf dem Gebiet dieser Vielvölkerstaaten erhoben nun verschiedene Nationalbewegungen Anspruch auf die Gründung eigener Nationalstaaten.
Die Ukraine hatte all das, was damals allgemein als Voraussetzung für den Anspruch auf einen eigenen Staat angesehen wurde:

  • eine eigene Sprache
  • ein Gebiet, in dem diese Sprache von einer Mehrheit der Bevölkerung gesprochen wurde
  • Formen einer spezifischen, nationalen Kultur (z. B. in Literatur, Musik, Brauchtum)
  • eine Nationalbewegung, angeführt von einer intellektuellen Elite

Was die Ukraine nicht hatte, war internationale Unterstützung für ihre Nationalstaatspläne. Die meisten neuen Nationalstaatsgründungen wurden in den Pariser Friedensverträgen von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs beschlossen. Den Ukrainern gelang es aber nicht, diese Forderung eines international anerkannten und unterstützten ukrainischen Nationalstaats durchzusetzen.

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Gedicht

Taras Schewtschenko, „In der Fremde"

Taras Schewtschenko (1814–1861) gilt bis heute zusammen mit Nikolai Gogol als der bedeutendste ukrainische Dichter des 19. Jahrhunderts.

Die Sonne wärmt nicht in der Fremde
Und brannte doch daheim so heiß…
In der ruhmvollen Ukraine
War ich ja auch nicht froh, Gott weiß.
Hat mich doch niemand dort geliebt,
War ich allein doch und verlassen…
Ich irrte, betete zu Gott,
Fluchte die feilen Herrscherklassen,
Dacht’ an die alten, bösen Zeiten,
Da Wahrheit kreuz’gen war die Mode;
Gekreuzigt wurde Christus damals,
Heut’ auch entging’ er nicht dem Tode.

Nein, nirgend bin ich froh und nirgend
Werd’ ich’s auch sein – so sei es drum!
Und doch auch in der fernen Fremde
Wünscht’ ich, und das auch nur darum,
Daß mir der Sarg vom fremden Holze
Von Russen nicht gezimmert werde,
Daß mir von meinem heil’gen Dnipr
Auch nur ein kleines Stückchen Erde
Die heil’gen Winde brächten her.
Und nichts mehr, Brüder, gar nichts mehr!

Ein einz’ger Wunsch, und doch vergebens!
Wird von der Zeit er weggespült!
Wozu auch Gott damit beläst’gen?
Er wird doch bleiben unerfüllt!

Lenins Nationalitätenpolitik - Warum schaffen russische Kommunisten einen ukrainischen Staat?

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Wladimir Iljitsch Lenin

Der Staat, aus dem die heutige Ukraine 1991 hervorging, war die „Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik". Sie wurde Anfang 1919 in Kiew ausgerufen. Gegründet wurde sie von ukrainischen und russischen Kommunisten. Die Bolschewiki brauchten schnell die Unterstützung möglichst vieler Einwohner des alten Zarenreichs, denn ihre Herrschaft war zu Beginn bedroht. Unterstützer des Zarenreichs und auswärtige Mächte bekämpften die Bolschewiki militärisch. Im Russischen Reich gab es viele Nationalbewegungen, die nun, nach dem Ende der alten Ordnung, hofften, ihren eigenen Staat zu erhalten. Die Bolschewiki versuchten, diese Nationalbewegungen auf ihre Seite zu ziehen, um gemeinsam gegen ihre Gegner zu kämpfen. Dafür versprachen sie ihnen nationale Autonomierechte. Die wenige Jahre später gegründeten Sowjetrepubliken erfüllten diese Versprechen nur vordergründig, denn die wahre Macht in all diesen neuen Republiken lag in den Händen der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, also der Bolschewiki.

„Holodomor" - die Hungersnot in der Ukraine 1932

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Der Holodomor war eine große Hungersnot in der Ukraine 1932/33, bei der mehrere Millionen Menschen starben. Er entstand nicht durch Naturkatastrophen, sondern durch die Politik der sowjetischen Führung unter Josef Stalin.
Im Zuge der Zwangskollektivierung wurde den Bauern ihr Getreide, ihr Vieh und sogar Saatgut abgenommen. Die staatlich festgelegten Abgaben waren so hoch, dass viele Dörfer keine Lebensmittel mehr hatten. Gleichzeitig wurde der Bevölkerung verboten, die Ukraine zu verlassen oder Nahrung aus anderen Regionen zu holen, obwohl ausreichend Getreide vorhanden war.

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Übersicht über die Todesopfer der Hungersnot 1932/33

Aus ukrainischer Sicht wurde der Holodomor jahrzehntelang verschwiegen. Erst nach dem Ende der Sowjetunion konnte er offen aufgearbeitet werden. Heute gilt er als eines der schwersten Verbrechen des Stalinismus und wird von vielen Staaten als Völkermord an der ukrainischen Bevölkerung anerkannt.

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Abtransport von Lebensmitteln aus der Ukraine Anfang der 1930er Jahre

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https://www.deutschlandfunkkultur.de/anne-applebaum-ueber-die-hungersnot-in-der-ukraine-1932-es-100.html

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Darstellung

Absichtlicher Hunger: eine menschenverachtende Politik

„Stattdessen fasste das sowjetische Politbüro [...] im Herbst 1932 eine Reihe von Beschlüssen, die die Hungersnot in den ländlichen Regionen der Ukraine ausweiteten und verschärften. Zugleich hinderte man die Bauern daran, die Republik zu verlassen, um Lebensmittel zu suchen. Auf dem Höhepunkt der Krise durchsuchten Teams aus Polizisten und Parteiaktivisten, getrieben von Hunger und Angst und angestachelt durch ein Jahrzehnt voller Hasspropaganda [...] die Häuser der Bauern und nahmen alles Essbare mit: Kartoffeln, Rüben, Kürbisse, Bohnen, Erbsen, was immer in Backöfen und Schränken lag, dazu Vieh und Haustiere. Das Ergebnis war eine Katastrophe: 5 Millionen Menschen verhungerten [...]."

Anne Applebaum, Roter Hunger. Stalins Krieg gegen die Ukraine, München 2017, Vorwort.

Die Ukraine und Russland in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg: die 1950er Jahre

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Urheber: Юрий Поликарпович Шакурин (1938-2000)

https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Kharkiv_in_the_1970s?uselang=de#/media/File:089-20_%D0%A5%D0%B0%D1%80%D1%8C%D0%BA%D0%BE%D0%B2.jpg

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Straßenszene in Charkiw (damals Charkow) in sowjetischer Zeit (1970)

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörten Russland und die Ukraine zur Sowjetunion. Russland war das politische Zentrum, die Ukraine eine wichtige Teilrepublik mit großer wirtschaftlicher und landwirtschaftlicher Bedeutung. Die Ukraine war vom Krieg stark zerstört und stand wie alle Republiken unter strenger Kontrolle aus Moskau.
In den 1950er Jahren kam es unter Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow (1894 - 1971) zu vorsichtigen Reformen. 1954 wurde die Krim von der russischen an die ukrainische Sowjetrepublik übertragen – damals eine interne Entscheidung ohne große politische Bedeutung. Trotzdem blieb die Ukraine politisch abhängig, und nationale Eigenständigkeit war kaum möglich.

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Darstellung

Modernisierung, Russifizierung, Nivellierung

Die Beziehungen der Ukraine und Russlands in der Sowjetunion blieben nach 1945 ambivalent: Einerseits hatte die Ukraine schon seit den 1930er Jahren von der rasanten Modernisierung, Urbanisierung und Bildungsrevolution (Alphabetisierung) profitiert, andererseits litt sie unter einer immer stärker werdenden Russifizierung und kulturellen Nivellierung.

  • hohe Wachstumsraten der Industrie, besonders der Schwerindustrie
  • bessere Wohnverhältnisse, höherer Lebensstandard, bessere Nahrungsmittelversorgung
  • Ukraine verlor gleichwohl an Boden gegenüber anderen Industriegebieten der Sowjetunion in Sibirien und im Ural

Marcus Ventzke

Nationalitätenprinzip als Resthoffnung

Die Ukraine in der Zeit Nikita Chruschtschows

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Nikita Chruschtschow

Der Erste Sekretär der KPdSU und Staatschef der Sowjetunion Nikita Chruschtschow (1894 - 1971) war für die ukrainische Nationalität bedeutsam, weil er aus der Ukraine stammte und das Land gut kannte. Er knüpfte teilweise an die Politik der „korenizacija“ an, stärkte ukrainische Eliten und verschaffte mehr Ukrainern Führungspositionen in Partei und Staat. Damit wurde die Ukraine innerhalb der Sowjetunion politisch aufgewertet, ohne echte Souveränität zu erhalten. Der Historiker Andreas Kappeler spricht von den Ukrainern als „Juniorpartner im Familienunternehmen Sowjetunion". Aus Sicht vieler nicht-slawischer Nationalitäten nahmen Ukrainer dabei sogar imperiale Funktionen wahr und wurden oft als Teil der russischen Mehrheitsmacht gesehen. Gerade diese Zwischenstellung sowie die begrenzte Liberalisierung unter Chruschtschow förderten langfristig ein eigenständiges ukrainisches Nationalbewusstsein, ohne bereits Unabhängigkeit zu bringen.

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© Digitale Lernwelten GmbH. Quelle: Andreas Kappeler, Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München, 3. Auflage, 2022, S. 182-185.

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Bevölkerungsentwicklung in der Ukraine

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© Digitale Lernwelten GmbH. Quelle: Andreas Kappeler, Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München, 3. Auflage, 2022, S. 182-185.

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Relativer Anteil der Ukraine an den sowjetischen Kapitalinvestitionen sank

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© Digitale Lernwelten GmbH. Quelle: Andreas Kappeler, Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München, 3. Auflage, 2022, S. 182-185.

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1970er Jahre: Anteil ukrainischsprachiger Zeitschriften und Bücher am Gesamtangebot sank von 49% auf 24%.

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Wer sprach in der Sowjetunion in der Ukraine noch ukrainisch?

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Darstellung

Akademiker in der Ukraine

Die Zahl der Studierenden, besonders der Studentinnen, stieg stetig an, wobei sich der anfänglich große Abstand zwischen Russen und Ukrainern verringerte. Dennoch stellten die Russen bis zum Ende der Sowjetunion einen größeren Anteil an Spezialisten mit höherer Bildung als die Ukrainer. Außerdem kam es wie schon im 18. und 19. Jahrhundert zu einem Brain Drain, da qualifizierte Ukrainer vermehrt nach Moskau und in andere Städte Russlands abwanderten. [...] Dennoch war von großer Bedeutung, dass es nach der weitgehenden Auslöschung der ukrainischen Elite in den 1930er Jahren jetzt wieder eine immer breitere, gut ausgebildete Führungsschicht gab. Dies trug zur Nationsbildung bei, und es konnte nicht ausbleiben, dass diese neue Elite sich politisch artikulierte.

Andreas Kappeler, Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München, 3. Auflage, 2022, S. 184-185.

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Darstellung

Literatur in ukrainischer Sprache

In den 1960er Jahren erlebte die ukrainische Sprache einen spürbaren Aufschwung, insbesondere im Bereich von Literatur, Bildung und Wissenschaft. Neue Schriftsteller und Intellektuelle begannen, vermehrt auf Ukrainisch zu publizieren und gesellschaftliche Themen literarisch zu verarbeiten.

Auch die ukrainische Geschichtsschreibung gewann an Bedeutung, da historische Ereignisse stärker aus einer ukrainischen Perspektive dargestellt wurden.

Diese kulturelle Belebung wurde durch die relative politische Liberalisierung der Chruschtschow-Zeit begünstigt. Insgesamt trugen Sprache, Literatur und Geschichtsschreibung wesentlich zur Stärkung des ukrainischen Nationalbewusstseins in dieser Phase bei.

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Zusammenfassung

Die „Sechziger" – Ukrainische Intellektuelle gegen das Sowjetsystem

Wer waren die „Sechziger"?

Die „Sechziger" (ukrainisch: schistdesjatnyky) waren eine Generation ukrainischer Schriftsteller, Künstler und Intellektueller, die in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren aktiv wurden. Ihren Namen erhielten sie, weil ihre Bewegung in den 1960er Jahren ihren Höhepunkt erreichte.

Historischer Hintergrund

Nach dem Tod des sowjetischen Diktators Stalin 1953 begann unter seinem Nachfolger Nikita Chruschtschow eine Phase der vorsichtigen Lockerung – die sogenannte „Tauwetter-Periode". Die schlimmsten Repressionen wurden zurückgefahren, und erstmals war begrenzte Kritik am Stalinismus möglich. Diese Öffnung nutzten junge ukrainische Künstler und Schriftsteller, um sich Gehör zu verschaffen.

Wofür kämpften sie?

Die „Sechziger" setzten sich ein für:

  • Künstlerische Freiheit – sie lehnten die staatlich verordnete Kunstdoktrin des „sozialistischen Realismus" ab
  • Die ukrainische Sprache und Kultur – gegen die fortschreitende Russifizierung
  • Menschenrechte und Meinungsfreiheit – viele wurden später zu Dissidenten
  • Aufarbeitung der stalinistischen Verbrechen – sie erinnerten an verfolgte und ermordete Künstler der Vergangenheit

Wichtige Vertreter

Zu den bekanntesten „Sechzigern" gehörten:

  • Lina Kostenko und Wassyl Symonenko – Dichter und frühe Wortführer
  • Wassyl Stus – Dichter, der nach 23 Jahren in Straflagern und Verbannung starb
  • Iwan Dsjuba – Literaturkritiker, der die einflussreiche Schrift „Internationalismus oder Russifizierung?" verfasste
  • Alla Horska – Künstlerin, die vermutlich vom sowjetischen Geheimdienst KGB ermordet wurde
  • Sergei Paradschanow – international bekannter Filmregisseur

Organisationen und Aktivitäten

1959 gründeten junge Künstler in Kiew den Klub „Zeitgenössischer" (Sutschasnyk), 1962 entstand in Lwiw der Klub „Schneeglöckchen" (Prolisok). Dort veranstalteten sie Lesungen, Ausstellungen und Gedenkabende – oft im Verborgenen. Als die offiziellen Zeitschriften nichts mehr von ihnen drucken wollten, verbreiteten sie ihre Texte als Samisdat (selbst vervielfältigte Untergrundliteratur).

Unterdrückung und Verfolgung

Nach Chruschtschows Sturz 1964 endete das „Tauwetter". Die sowjetische Führung ging hart gegen die Bewegung vor:

  • Ab 1962 wurden die „Sechziger" öffentlich als „bürgerliche Nationalisten" angeklagt
  • Zwischen 1965 und 1972 kam es zu Massenverhaftungen
  • Viele wurden zu langjährigen Haftstrafen in Straflagern verurteilt
  • Einige starben in Haft, andere erhielten Berufsverbot
  • Manche passten sich an und schwiegen oder schrieben fortan im Sinne des Regimes

Bedeutung

Die „Sechziger" spielten eine wichtige Rolle für die Bewahrung der ukrainischen Nationalkultur während der Sowjetzeit. Sie hielten das Bewusstsein für die ukrainische Sprache und Identität lebendig – in einer Zeit, als die sowjetische Politik auf Russifizierung zielte. Ihre Arbeit legte geistige Grundlagen für die spätere ukrainische Unabhängigkeitsbewegung.

Zum Weiterdenken

  • Warum war der sowjetischen Führung die ukrainische Kultur so gefährlich, dass sie Künstler und Schriftsteller verfolgte?
  • Welche Parallelen gibt es zu anderen Dissidentenbewegungen in der Sowjetunion oder anderen autoritären Staaten?
  • Inwiefern wirkt das Erbe der „Sechziger" bis heute in der Ukraine nach?

Die Zeit des Parteisekretärs Petro Schelest in der Ukraine: „Nationalkommunismus"?

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Petro Schelest

Petro Schelest war von 1963 bis 1972 Erster Sekretär der Kommunistischen Partei der Ukraine und damit der führende Politiker der Ukraine. Für das ukrainische Nationalbewusstsein war er sehr bedeutsam, weil er in gewisser Weise eine Form des sogenannten „Nationalkommunismus" vertrat. Das bedeutete, ukrainische nationale Autonomie und kulturelle Eigenständigkeit anzustreben.

In seinem Buch „Unsere Sowjetukraine" betonte Schelest die Eigenständigkeit der Ukraine innerhalb der Sowjetunion und hob ihre Geschichte, Kultur und Sprache hervor. Er setzte sich folglich dafür ein, ukrainische Interessen stärker gegenüber Moskau zu vertreten. Damit legitimierte er ein ukrainisches Selbstverständnis, das sozialistisch, aber zugleich national-ukrainisch geprägt war. Seine Politik stärkte das Bewusstsein, dass die Ukraine mehr war als nur eine nachgeordnete Sowjetrepublik.

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Darstellung

Iwan Dsjuba - Internationalismus oder Russifizierung?

Das Buch „Internationalismus oder Russifizierung?" von Iwan Dsjuba kritisiert die sowjetische Nationalitätenpolitik als faktische Russifizierung. Dsjuba argumentierte, dass der offiziell propagierte Internationalismus die ukrainische Sprache, Kultur und Identität systematisch benachteilige. Das Werk wurde zu einem zentralen Text des ukrainischen Dissidententums und stärkte das nationale Selbstbewusstsein in den 1960er Jahren.

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Wjatscheslaw Tschornovil 

Wjatscheslaw Tschornowil spielte eine zentrale Rolle bei der Verbreitung und politischen Zuspitzung der Ideen aus Ivan Dsjubas „Internationalismus oder Russifizierung?". Als Journalist und Dissident unterstützte er Dsjuba öffentlich, sammelte Dokumentationen über politische Repressionen und machte die Russifizierungspolitik international bekannt. Dafür wurde er mehrfach verhaftet und in Lagerhaft geschickt, was ihn zu einer Symbolfigur des ukrainischen Widerstands machte. In der Spät- und Post-Sowjetzeit knüpfte er an diese Dissidententradition an und wurde zu einem der wichtigsten Vordenker der ukrainischen Unabhängigkeitsbewegung.

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Wassyl Stus

Wassyl Stus war eine der wichtigsten literarischen Stimmen gegen Russifizierung und kulturelle Unterdrückung in der Sowjetukraine. In seinen Gedichten verteidigte er kompromisslos die ukrainische Sprache, kulturelle Würde und moralische Selbstbestimmung. Stus stand ideell nahe bei Iwan Dsjuba und dem ukrainischen Dissidentenkreis, der den Widerspruch zwischen offiziellem Internationalismus und realer Unterdrückung benannte. Seine Weigerung, sich politisch und sprachlich anzupassen, führte zu Verfolgung, Lagerhaft und schließlich zu seinem Tod im Gulag. Gerade dadurch wurde Stus zu einer zentralen Symbolfigur des ukrainischen nationalen und kulturellen Widerstands.

Marcus Ventzke

Die 1970er und 80er Jahre und die Katastrophe von Tschernobyl

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Urheber: IAEA Imagebank

https://de.wikipedia.org/wiki/Nuklearkatastrophe_von_Tschernobyl#/media/Datei:IAEA_02790015_(5613115146).jpg

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Der zerstörte Block des im Jahr 1986 havarierten Kernkraftwerks Tschernobyl

In den 1970er und 1980er Jahren verschärften sich wirtschaftliche Probleme. Mit den Reformen Gorbatschows wuchs in der Ukraine der Wunsch nach Selbstbestimmung. Am 26. April 1986 kam es im Block 4 des in der Ukraine gelegenen Kernkraftwerks Tschernobyl während eines fehlgeschlagenen Tests zu einer Explosion und einer weitgehenden Kernschmelze.​ Große Mengen radioaktiver Stoffe traten aus, zogen als Wolke über weite Teile Europas und machten eine großflächige Evakuierung von über 300 000 Menschen nötig.​ Die sowjetische Führung reagierte zunächst mit Vertuschung und verspäteter Warnung der Bevölkerung, was bis heute als Symbol für schlechte Informationspolitik und Misstrauen gegenüber dem Staat gilt.​

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http://Person:+https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Veronika_Wendland#/media/Datei:Anna_Veronika_Wendland_(32368312115).jpg,+CC+BY-SA+2.0,+Heinrich-Böll-Stiftung

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Für die Ukraine bedeutete Tschernobyl dauerhaft verstrahlte Gebiete, hohe gesundheitliche und soziale Folgekosten sowie einen tiefen Einschnitt in das Vertrauen in sowjetische Institutionen.​ Der Unfall beschleunigte den Niedergang der Sowjetunion. Viele Menschen in der Ukraine gewannen durch Tschernobyl die Überzeugung, dass sie ihre Geschicke nun selbst in die Hand nehmen sollten. In der ukrainischen Gesellschaft wurde das Bewusstsein für ökologische Risiken, die Bedeutung unabhängiger Medien und die Forderung nach demokratischer Kontrolle von Staat und Energiepolitik stärker. 1991 zerfiel die Sowjetunion. Die Ukraine erklärte ihre Unabhängigkeit, Russland wurde "Nachfolgestaat" der UdSSR. Damit endete die gemeinsame staatliche Geschichte beider Länder.

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Verstrahlte Gebiete um das Kernkraftwerk Tschernobyl

Zusammenfassung der ukrainischen Geschichte seit Beginn des 20. Jahrhunderts
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Ein Erklärfilm der Bundeszentrale für politische Bildung: „Unabhängigkeit - Was man über die Ukraine wissen sollte"
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Aufgabe

Geschichte der Ukraine

  1. Bereite stichwortartig einen kurzen Vortrag vor, der die eigenständige nationale Entwicklung der Ukraine in der Vergangenheit zeigt.
  2. Sammle alle Ereignisse, die russische/sowjetische Vereinnahmungsversuche zeigen.

Zusammenfassung: Die ukrainische Perspektive

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