10.1.2 Die russische Perspektive

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10.1.2 Die russische Perspektive

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Die Inhalte dieses Kapitels kurz zusammengefasst und in Zusammenhang gesetzt.
Welche Details oder Fakten wurden hier nicht erwähnt, sind aber für dich besonders spannend oder neu?
In diesem Kapitel erhältst du umfassende Informationen. Los geht's!

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Der legendäre Herrscher Wladimir I. aus russischer Sicht

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Wladimir der Große

Wladimir I., der große Fürst von Kiew, war der Herrscher des alten Rus‑Reiches, aus dem später Russland hervorging. Er regierte ein riesiges Gebiet von der Ostsee bis weit in die Steppen des Südens. Seine Vorfahren waren heidnische Herrscher. Wladimir selbst begann als machtbewusster Fürst, der erst seine Rivalen ausschaltete und das Land mit harter Hand einte. Und er suchte nach einer Religion, die sein Reich einen konnte. Gesandte berichteten ihm von verschiedenen Glaubensrichtungen – vom Judentum, vom Islam, vom westlichen und vom byzantinischen Christentum. Am meisten beeindruckte ihn der byzantinische Gottesdienst in Konstantinopel: Seine Gesandten erzählten, sie hätten nicht gewusst, ob sie „im Himmel oder auf Erden" seien. Wladimir ließ sich taufen, heiratete eine byzantinische Prinzessin und ordnete die Taufe der Bevölkerung an. Die Menschen stiegen in den Dnjepr, um Christen zu werden; die alten Götzenbilder wurden in den Fluss geworfen. So wurde Wladimir der „Taufpate der Rus" und stand damit auch am Beginn der russischen Staatlichkeit. Das heutige Russland betrachtet sich als der Erbe dieser Leistungen Wladimirs. In der russisch‑orthodoxen Kirche ist er ein Heiliger und wird als die Vaterfigur eines großen russischen Volkes gesehen, zu dem Russen, Ukrainer und Belarussen ursprünglich gemeinsam gehörten und auch in Zukunft gehören sollten.

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Urheber: Von Sergiy Klymenko

https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5171048

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Wladimir I.-Statue in Kiew - Der Begründer einer Nation?

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Urheber: Safa.daneshvar

https://en.wikipedia.org/wiki/Monument_to_Vladimir_the_Great#/media/File:030522-Moscow-IMG_8865-2.jpg

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Wladimir I.-Statue in Moskau - eine Provokation?

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Aufgabe

  1. Lies dir auch die ukrainische Perspektive durch. Arbeite stichpunktartig die Unterschiede in den beiden Perspektiven zu Wladimir/Wolodymyr als Herrscher der Kiewer Rus heraus.
  2. Fasse diese Unterschiede aus der jeweiligen Perspektive in einem markanten Satz zusammen.
  3. Vermute Gründe für diese unterschiedliche Darstellung. Beziehe dabei folgende Fragen ein:
    1. Wozu dienen solche Geschichten über die Vergangenheit eines Landes oder Volkes?
    2. Warum werden die Unterschiede in den Geschichten in Zeiten des Krieges besonders betont?

Russland vom 14. bis zum 17. Jahrhundert - Kampf gegen das „Tatarenjoch"

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http://bibliotekar.ru/rus/98.htm,+Gemeinfrei,+https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2031683

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Darstellung der Schlacht auf dem Kulikowo Pole im Jahr 1380

Zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert entwickelten sich Russland und die Ukraine getrennt. Die Erinnerungen an diese Zeit waren unterschiedlich und prägten die nationalen Mythen beider Länder.

Aus russischer Perspektive ist die Zeit vom 13. bis zum 17. Jahrhundert geprägt vom Mythos des Tatarenjochs. Die Herrschaft der mongolischen Goldenen Horde seit 1237/40 wurde als schwere Prüfung und Demütigung des orthodoxen Rus-Volkes gedeutet. In dieser Erzählung verstand sich Moskau als letzter Hort der Freiheit und als legitimen Erben der Kiewer Rus.

Ein früher symbolischer Wendepunkt war der Sieg Dmitri Donskois über die Tataren im Jahr 1380 in der Schlacht auf dem Kulikowo-Feld. Auch wenn die mongolische Oberherrschaft damit noch nicht beendet war, stärkte dieser Erfolg Moskaus Anspruch auf eine führende Rolle.

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Urheber: Unbekannter russischer Zeichner der 1560 bis 1570 Jahre

https://de.wikipedia.org/wiki/Stehen_an_der_Ugra#/media/Datei:Facial_Chronicle_-_b.16,_p._462_-_Great_standing_on_the_Ugra.jpg

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Darstellung des „Stehens am Ugra-Fluss" zwischen dem russischen Heer Iwans III. und der „Großen Horde" unter Achmat Khan am Ufer der Ugra im Jahr 1480.

Die endgültige Befreiung von der Fremdherrschaft gelang unter Iwan III., der 1480 beim Stehen an der Ugra das Tatarenjoch abschüttelte. Beide Heere standen sich mehrere Wochen gegenüber. Die Beschriftung der Illustration beschreibt das Geschehen wie folgt: „Und unsere Männer hatten viele Feinde mit Pfeilen und Musketen geschlagen, und ihre Pfeile waren zwischen unsere Männer gefallen, und niemand wurde verletzt, und wir hatten sie vom Ufer zurückgedrängt." Demgegenüber steht der historische Fakt, dass keine Schlacht stattgefunden habe. Die Mongolen zogen aus ungeklärten Gründen schließlich ab. 
Iwan vereinte zahlreiche Fürstentümer und legte den Grundstein für den russischen Staat.

Dabei wirkten Staat und orthodoxe Kirche eng zusammen. Diese Verbindung fand ihren Ausdruck 1547 in der Krönung Iwan IV. zum ersten „Zar aller Rus", was den Anspruch Russlands als von Gott legitimierte Macht unterstrich.

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https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Monumento_a_Minin_y_Pozharsky_02.JPG

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Denkmal der Volkshelden Minin und Poscharski

Im 17. Jahrhundert geriet Russland erneut in eine schwere Krise. Während der sogenannten „Zeit der Wirren" (1605–1613) fielen polnische Truppen ein, setzten einen von ihnen unterstützten „falschen Dmitri" als Zaren ein und besetzten zeitweise Moskau. Die erfolgreiche Befreiung von den fremden Besatzern durch die Volkshelden Minin und Poscharski im Jahr 1612 wurde später zu einer wichtigen historischen Geschichte. Der 4. November gilt in Russland bis heute als Tag der nationalen Einheit.

Nach der inneren Stabilisierung begann Russland im Osten zur Gegenoffensive überzugehen. Mit der Eroberung der Khanate von Kasan (1552) und Astrachan (1556) öffnete sich der Weg entlang der Wolga nach Sibirien. Diese Expansion machte Russland zu einem Imperium in Europa und Asien. Die darüber erzählten Geschichten heben bis heute eine russische Leidensfähigkeit, die einende Religion und die Ausdehnung des Landes hervor – in deutlichem Gegensatz zur ukrainischen Erinnerungstradition, die stärker von der Kosakenzeit unter polnisch-litauischer Herrschaft geprägt ist.

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Darstellung

Der Ursprung des russischen nationalen Mythos

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https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Russlands#/media/Datei:Alexander_Nevsky_in_the_battle_with_the_Swedes_by_Boris_Chorikov.jpg

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Abwehrkampf gegen die Schweden. Kupferstich von Boris Tschorikow (1802–1866)

Im nationalen Narrativ wird betont, dass der Sieg über die fremdgläubigen Aggressoren aus Ost und West [vom 14. bis zum 17. Jahrhundert, Marcus Ventzke] nur möglich war dank einem starken Staat und mächtigen Herrschern, die autokratisch regierten, von der Kirche unterstützt wurden, den Adel in die Schranken wiesen und sich der Unterstützung des Volkes versicherten. Der Stolz auf den mächtigen, von außen bedrohten Staat gehört zu den Konstanten des russischen kulturellen Gedächtnisses und ist im heutigen Russland wiederbelebt worden.

Hinweis:
Narrativ = Geschichte zur Geschichte, zu den Werten und Traditionen einer Nation.

Andreas Kappeler, Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München. 2022, S. 52.

Exkurs: Geschichte als Argument - die russische Sicht auf den Vertrag von Perejaslaw (1654)

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Der Vertrag von Perejaslaw Was steht in der Vereinbarung von Perejaslaw? Die russische Sichtweise auf Perejaslaw
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Urheber: Хрещатий яр, Київ

https://de.wikipedia.org/wiki/Vertrag_von_Perejaslaw#/media/Datei:%D0%A5%D1%80%D0%B5%D1%89%D0%B0%D1%82%D0%B8%D0%B9_%D1%8F%D1%80,_%D0%9A%D0%B8%D1%97%D0%B2,_Ukraine_-_panoramio_-_Leonid_Andronov.jpg

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Die in den Zeiten der Sowjetunion (1981) errichtete Skulptur unter dem „Bogen der Völkerfreundschaft" in Kiew. Symbolische Bedeutung: Ukrainer und Russen schließen 1654 die Vereinbarung von Perejaslaw und gehören damit zusammen.

Der Vertrag von Perejaslaw von 1654 wurde als symbolischer Beginn der politischen Vereinigung zwischen dem ukrainischen Kosakenstaat (Hetmanat) und dem Zarenreich Russland betrachtet. Der Vertrag wurde im ukrainischen Perejaslaw unterzeichnet. Er sah eine Allianz vor, bei der das ukrainische Hetmanat unter den Schutz und die Oberhoheit des russischen Zaren trat.
Die 300-jährigen Wiedervereinigungsfeiern im Jahr 1954 wurden von der sowjetischen Regierung organisiert, um die historische Bindung zwischen der Ukraine und Russland zu betonen und die Einheit innerhalb der Sowjetunion zu stärken. Zu dieser Zeit war die Ukraine Teil der Sowjetunion, und die Feiern dienten auch der politischen Propaganda, um das sowjetische Nationalbewusstsein zu fördern und die Beziehung zwischen der russischen und ukrainischen Bevölkerung zu festigen. 

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Urheber: Post der UdSSR

https://de.wikipedia.org/wiki/Vertrag_von_Perejaslaw#/media/Datei:1954._300-летие_воссоединения_Украины_с_Россией.jpg

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Die Versammlung (ukr. „Rada") von Perejaslaw auf einer sowjetischen Briefmarke aus dem Jahr 1954

Der Perejaslaw-Vertrag wurde als der Moment dargestellt, der die Vereinigung und Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern begründete, obwohl viele Aspekte dieses „Vertrags" aus der Sicht der Ukraine damals problematisch und nicht wirklich freiwillig waren.

  • Die Mehrheit der Kosaken, die sich in Perejaslaw versammelten, leisteten in Anwesenheit des russischen Bojaren und Botschafters einen Treueeid auf den Zaren.
  • Das taten später auch Kosaken in vielen Dörfern des Dnjepr-Gebietes.
  • Die Kosaken erhielten das Recht der freien Wahl ihrer Hetmane (Anführer) zugesichert.
  • Das stehende Heer der Kosaken wurde auf 60 000 Mann erhöht.
  • Kosakische Adlige erhielten Besitzstandsrechte über ihre Ländereien.
  • Der Zar verpflichtete sich zum Schutz der Ukraine.
  • Seit dem 19. Jahrhundert betrachtet die russische Geschichtsschreibung die Vereinbarung als Wiedervereinigung der Ukraine mit Russland.
  • Die Trennung beider Länder seit dem Mongolensturm war ein „unnatürlicher Zustand".
  • Die Vereinbarung war nicht zeitlich begrenzt.
  • Das ukrainische Hetmanat hatte keinen mit Russland gleichwertigen Status.
  • Die Kosaken wollten den Schutz des Zaren und ihre Gebiete wurden damit ein russisches Protektorat.
Der Vertrag von Perejaslaw Was steht in der Vereinbarung von Perejaslaw? Die russische Sichtweise auf Perejaslaw
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Quelle

Unterschiede der nationalen Erinnerung

„Der größte Teil der nationalen Unterschiede zwischen den Ukrainern und Moskowien kann damit erklärt werden, dass die Ukraine bis zum 18. Jahrhundert stärker mit Westeuropa verbunden war und trotz einer Verzögerung [...] gemeinsam mit Westeuropa am sozialen und kulturellen Fortschritt teilhatte".

Zitiert nach: M.P. Dragomanov, Avtobiografja, in: Byloe God I, No. 6, ijun' 1906, S. 182-213, hier S. 197.

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Aufgabe

Der Vertrag von Perejaslaw

  1. Arbeite die Informationen im „Exkurs: Geschichte als Argument - die russische Sicht auf den Vertrag von Perejaslaw (1654)" durch.
  2. Stelle mit eigenen Worten dar, warum sich dieses Ereignis aus russischer Sicht eignet, von einer gemeinsamen Geschichte Russlands und der Ukraine zu sprechen.
  3. Suche Beispiele in der deutschen Geschichte, die genutzt wurden, eine nationale Gemeinsamkeit der Deutschen zu behaupten.
  4. Setze dich kritisch mit solchen vereinigenden Nationalgeschichten auseinander.
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Methode

Nationalgeschichten ideologiekritisch untersuchen

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Erweiterung: Arbeit mit einem Analyseraster
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Lenins Nationalitätenpolitik - Warum schaffen russische Kommunisten einen ukrainischen Staat?

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Lenin

Die Kommunisten (Bolschewiki) waren die neuen Machthaber in Russland. Sie waren in einer Revolution an die Macht gekommen und versuchten nun, das untergegangene Zarenreich unter ihrer Herrschaft neu zu ordnen. Die Bolschewiki brauchten schnell die Unterstützung von möglichst vielen Einwohnern des alten Zarenreichs, denn ihre Herrschaft war zu Beginn bedroht. Unterstützer des Zarenreichs und auswärtige Mächte bekämpften die Bolschewiki militärisch. Im russischen Reich gab es viele Nationalbewegungen, die nach dem Ende der alten Ordnung hofften, ihren eigenen Staat zu erhalten. Die Bolschewiki versuchten, diese Nationalbewegungen auf ihre Seite zu ziehen, um gemeinsam gegen ihre Gegner zu kämpfen. Dafür versprachen sie ihnen nationale Autonomierechte. Die wenige Jahre später gegründeten Sowjetrepubliken erfüllten diese Versprechen nur vordergründig, denn die wahre Macht in all diesen neuen Republiken lag in den Händen der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, also der Bolschewiki. Stalin, der Nachfolger Lenins, wandte sich gegen diese Politik. Ab den 1930er Jahren kehrte er zu einer russisch dominierten Zentralisierung zurück. Er ließ ganze Volksgruppen verfolgen.

Holodomor - die Hungersnot in der Ukraine 1932

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Der Holodomor war eine große Hungersnot in der Ukraine 1932/33, bei der mehrere Millionen Menschen starben. Er entstand nicht durch Naturkatastrophen, sondern durch die Politik der sowjetischen Führung unter Josef Stalin.
Im Zuge der Zwangskollektivierung wurde den Bauern ihr Getreide, ihr Vieh und sogar Saatgut abgenommen. Die staatlich festgelegten Abgaben waren so hoch, dass viele Dörfer keine Lebensmittel mehr hatten. Gleichzeitig wurde der Bevölkerung verboten, die Ukraine zu verlassen oder Nahrung aus anderen Regionen zu holen, obwohl ausreichend Getreide vorhanden war. 
Die Lage entstand durch zwei Missernten in den Jahren 1931 und 1932. Trotz Hungers erhöhte die Partei die Abgabenquote der Bauern auf 44 Prozent. 1931 wurden 7,2 Millionen Tonnen Getreide von der Regierung beschlagnahmt, 1932 nur noch 4,3 Millionen Tonnen. Das Getreide wurde auf dem Weltmarkt verkauft, um Devisen für die Industrialisierung und Rüstungsproduktion zu beschaffen.

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Das Vorgehen der sowjetischen Regierung in der Ukraine wird kontrovers diskutiert und auch als bewusster Völkermord bezeichnet. Vgl. dazu das Unterkapitel Die ukrainische Perspektive.

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Darstellung

Hunger als Mittel zum Völkermord?

„Dass Stalin die Strafaktion gegen die Ukraine von langer Hand plante, ist unwahrscheinlich. Deshalb ist es meines Erachtens problematisch, von einem Genozid am ukrainischen Volk zu sprechen und die Hungersnot auf eine Stufe mit den Völkermorden an den Juden und den Armeniern zu stellen."

Andreas Kappeler, Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München, 3. Auflage, 2022, S. 167.

Die Ukraine und Russland in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg

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Nikita Sergejewitsch Chruschtschow

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörten Russland und die Ukraine zur Sowjetunion. Russland war das politische Zentrum, die Ukraine eine wichtige Teilrepublik mit großer wirtschaftlicher und landwirtschaftlicher Bedeutung. Die Ukraine war vom Krieg stark zerstört und stand wie alle Republiken unter strenger Kontrolle Moskaus.
In den 1950er Jahren kam es in der Zeit des sowjetischen Staats- und Parteichefs Nikita Chruschtschow (1894-1971) zu vorsichtigen Reformen. 1954 wurde die Krim von der russischen an die ukrainische Sowjetrepublik übertragen – damals eine interne Entscheidung ohne große politische Bedeutung. Trotzdem blieb die Ukraine politisch abhängig und eine nationale Eigenständigkeit war kaum möglich.
In den 1970er und 1980er Jahren verschärften sich wirtschaftliche Probleme. Der Reaktorunfall von Tschernobyl im Jahr 1986 verstärkte die Zweifel an der Handlungsfähigkeit des sowjetischen Staats. 

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Michail Gorbatschow

Mit den Reformen Michail Gorbatschows (1931-2022) wuchs in der Ukraine der Wunsch nach Selbstbestimmung. Im Jahr 1991 zerfiel die Sowjetunion. Russland und die Ukraine erklärten ihre Unabhängigkeit. Russland wurde Nachfolgestaat der UdSSR. Damit endete die gemeinsame staatliche Geschichte beider Länder.

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Darstellung

Die Reaktorkatastrophe im Kernkraftwerk Tschernobyl und die Folgen für die Sowjetunion und Russland

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Die Verstrahlung durch das Reaktorunglück von Tschernobyl betraf Weißrussland, die Ukraine und Russland.

Aus sowjetischer Perspektive war Tschernobyl 1986 ein bedauerlicher „Unfall" (Havarie) im Kernkraftwerk, verursacht durch menschliches Versagen bei einem Test, nicht durch Systemfehler.

Die sowjetische Führung und Michail Gorbatschow reagierte zunächst mit Geheimhaltung, dann mit massivem Personaleinsatz. Etwa 600 000 Helfer (sogenannte „Liquidatoren") wurden zur Beseitigung der Folgen des Unglücks mobilisiert. Ihr Mut, sich der Strahlung auszusetzen, wurde als heroischer Opfermut gefeiert – ein Symbol sowjetischer Krisenbewältigung.​ Offiziell betonte man, dass die Folgen schnell eingedämmt werden konnten und nur wenige Opfer zu beklagen seien (31 Tote).

Die Folgen des Unglücks für die Sowjetunion und Russland waren jedoch langfristig und schwerwiegend: Tschernobyl beschleunigte den Reformprozess "Glasnost", denn es zeigte die Schwächen der sowjetischen Technik und Organisationsfähigkeit. Damit trug das Unglück zur Beschleunigung des Niedergangs der Sowjetunion bei.

Marcus Ventzke

Zusammenfassung: Die russische Perspektive

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