10.1.3 Die ukrainedeutsche Perspektive

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Stadttheater in Czernowitz – baugleich mit dem im bayerischen Fürth

10.1.3 Die ukrainedeutsche Perspektive

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Die Inhalte dieses Kapitels kurz zusammengefasst und in Zusammenhang gesetzt.
Welche Details oder Fakten wurden hier nicht erwähnt, sind aber für dich besonders spannend oder neu?
In diesem Kapitel erhältst du umfassende Informationen. Los geht's!

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Der russische Präsident Putin rechtfertigt den Angriffskrieg gegen die Ukraine mit einem großrussischen Geschichtsbild, das historische Verbindungen imperial verklärt. Diese Sicht ignoriert nicht nur das Leben und die Geschichte der Ukrainer, sondern auch die vielschichtigen Einflüsse benachbarter Kulturen. Auch die deutschsprachige Geschichte ist über Jahrhunderte mit der Ukraine verbunden.

Kulturelle Einflüsse in der Ukraine durch Deutsche

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Siedlungsgebiete von Deutschen in der Ukraine (grau)

Über Jahrhunderte haben Kaufleute, Händler und Siedler aus deutschen Regionen den Weg in die Ukraine und ihre historischen Territorien gefunden. Siedler zum Landesausbau zogen nach Osteuropa und mit ihnen Traditionen und Ideen. So wurde etwa bei der Stadtgründung Lembergs/Lwiws im 13. Jahrhundert auch deutsches Recht angewendet. Die Neuorganisation von Städten in der Westukraine erfolgte im 14. Jahrhundert nach Magdeburger Recht.

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Virtuelles Museum der Schwarzmeerdeutschen (https://schwarzmeerdeutsche.in...)

Karte mit Siedlungen in den Regionen Odessa, Mykolajiw und Cherson: Schau einige der Orte doch mal genauer an.
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Darstellung

Magdeburger Recht in der Ukraine

Im 15. Jahrhundert verlieh der polnische König Johann Albrecht I. (1494–1501) Kiew das Magdeburger Recht. Deutsche Siedler waren nicht beteiligt, doch die ordnende Kraft dieser Statuten beeindruckte sogar Zar Alexander I. (1801–1825) derart, dass er ein Denkmal errichten ließ – es steht noch heute.

Marcus Ventzke

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Німці
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Deutsche in der Ukraine
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Aufgabe

Geschichte der Deutschen in der Ukraine

  1. Sieh dir den Film "Deutsche in der Ukraine" aufmerksam an.
  2. Wähle eine Information, die dir besonders wichtig für die Geschichte der Ukrainedeutschen erscheint.
  3. Notiere eine kurze Begründung für deine Wahl.
  4. Stelle deine Wahl kurz im Plenum vor.
  5. Diskutiert und erstellt eine Liste von fünf Highlights.

Anwerbung von Siedlern im 18. Jahrhundert

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Im 18. Jahrhundert lockte Zarin Katharina II. deutsche Siedler in den Süden des Russischen Reiches. Ihr Manifest von 1763 versprach Land, Steuer- und Religionsfreiheit, Selbstverwaltung, Befreiung vom Militärdienst, sowie den Gebrauch der deutschen Sprache in Schulen und Ämtern. Viele folgten diesem Ruf, um wirtschaftlicher Not oder religiöser Verfolgung zu entkommen. Ab 1789 gründeten deutsche Mennoniten die ersten Siedlungen am Dnepr/Dnipro.

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https://schwarzmeerdeutsche.in.ua/de/page/history

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So sahen die ersten Behausungen der deutschen Kolonisten am Schwarzen Meer aus: einfache Erdhütten, die teilweise noch bis ins frühe 20. Jahrhundert erhalten blieben.

Die ersten Siedler aus deutschen Kleinstaaten ließen sich an der Wolga nieder – bis 1897 etwa 400.000 Menschen. Unter Zar Alexander I. zogen rund 380.000 Deutsche in die Region nördlich des Schwarzen Meeres, von Bessarabien bis zum Don.

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© Gennadij Machorin

https://www.deutsche-in-wolhynien.de/deutsche-siedler

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Angehörige der deutschen Gemeinde von Schytomyr (Ende 19. Jahrhundert)

Im 19. Jahrhunderts kamen 200.000 Menschen nach Wolhynien – Mennoniten aus der Pfalz und Deutsche aus Polen. Auf der Krim begann die gezielte Einwanderung Anfang des 19. Jahrhunderts. 1939 lebten dort 60.000 Deutsche – fast 5,5 Prozent der Einwohner.

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Darstellung

Rasantes Wachstum der Siedlerkolonien bis Mitte des 19. Jahrhunderts

Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden im Süden des Russischen Reiches zahlreiche deutsche Siedlungen: im Gouvernement Cherson nahe Odessa, Mykolajiw und Beryslaw sowie in den Gouvernements Taurien und Katerynosslaw – am Fluss Molotschna, auf der Krim und bei Mariupol. Um 1850 gab es bereits 170 Mutterkolonien mit über 85.000 Einwohnern. Nach den Revolutionen von 1848 in Europa untersagte Russland die weitere Aufnahme von Siedlern.

Marcus Ventzke

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Wo ist das? Wer ist das? Was soll dieser Film aussagen?
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https://schwarzmeerdeutsche.in.ua/ua

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Aufgabe

Virtuelles Museum der Schwarzmeerdeutschen

  1. Recherchiere nach dem "Virtuellen Museum der Schwarzmeerdeutschen"
  2. Informiere dich zu folgenden Fragen:
    • Wer betreibt dieses Museum?
    • Zu welchen Themen gibt es Informationen?
    • Erfährt man etwas über den Krieg in der Ukraine?
  3. Das "Virtuelle Museum der Schwarzmeerdeutschen" wurde Ende 2025 vorgestellt. Diskutiert in der Gruppe, warum das mitten im Krieg geschieht.
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Darstellung

Ende der Siedleranwerbung

Die russische Anwerbung von Siedlern endete 1819. Ein halbes Jahrhundert später, 1871, entzog Zar Alexander II. den Deutschen ihre Sonderrechte: Russisch löste Deutsch als Amtssprache ab, die Selbstverwaltung wurde abgeschafft und die Kolonien der regulären Verwaltung unterstellt. Ab 1877/78 mussten die Deutschen auch Militärdienst leisten – erstmals im Krieg gegen das Osmanische Reich. Da das Land knapp wurde, gründeten viele Familien gegen Ende des 19. Jahrhunderts Tochtersiedlungen in Mittelasien, Sibirien und im Kaukasusgebiet. Andere wanderten in die USA aus.

Marcus Ventzke

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Darstellung

Deutsche im Schwarzmeergebiet, an der Wolga und im Kaukasus

Die Schwarzmeerdeutschen blieben überwiegend Bauern – wie auch die Deutschen an der Wolga und im Kaukasus. Bis zum Ersten Weltkrieg hatten sie es zu beachtlichem Wohlstand gebracht: Ihre Höfe waren im Durchschnitt deutlich größer als die anderer Bevölkerungsgruppen, und die deutschen Großbauern im Süden Russlands zählten zu den wichtigsten Getreideproduzenten des Landes. Neben der Landwirtschaft prägten sie auch den Maschinenbau: Aus kleinen Werkstätten für Kutschen und Wagen entwickelten sich Betriebe für Serienpflüge und schließlich Fabriken für Dresch- und Mähmaschinen.

Marcus Ventzke

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Erweiterung

Informationen zur Geschichte der Deutschen in der Ukraine

Mehr Informationen zur Geschichte der Deutschen in der Ukraine kannst du zum Beispiel auf den Seiten finden:

Deutsche in Galizien

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Urheber: D T G

https://de.wikipedia.org/wiki/Lwiw#/media/Datei:BezirkLemberg1900Sprachen.png

Cc4BYSA

Eine Volkszählung aus dem Jahr 1900 ergab, dass zu dieser Zeit folgende Umgangssprachen im Bezirk Lemberg vorherrschten: Polnisch (rot), Ukrainisch (blau), deutsch (gelb)

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Urheber: Mykola Swarnyk

https://de.wikipedia.org/wiki/Lwiw#/media/Datei:StGeorgeCathedral_Lviv.JPG

Cc3BYSA

Sankt-Georgs-Kathedrale in Lemberg - im 18. und 19. Jahrhundert die Mutterkirche der griechisch-katholischen Kirche.
Architekt war der vermutlich deutschstämmige Bernhard Meretyn. Meretyn gilt als Wegbereiter des Rokokostils Galizien.

Im Westen der heutigen Ukraine waren es die Habsburger, die den deutschsprachigen Zuzug förderten, nachdem Galizien mit der Ersten Teilung Polens 1772 Teil ihres Reiches geworden war. Die Ansiedlung erster deutscher Handwerker und Bauern in Galizien geht auf Kaiserin Maria Theresia (1740–1780) zurück. Ihr Sohn Joseph II. (1780–1790) setzte das Ansiedlungswerk fort. Sein Toleranzpatent aus dem Jahr 1781 ermöglichte auch Nicht-Katholiken die Ansiedlung, so dass viele Protestanten, etwa aus dem Badischen und der Pfalz, aber auch aus Westböhmen einwanderten. Die Verbreitung des Luthertums unter den Ukrainern in Galizien, das noch heute anzutreffen ist, ist durch diese einstigen deutschen Siedlungen gefördert worden.

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Darstellung

Deutsche Kultur in Galizien

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Urheber: Mcowkin

https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Joseph_Roth?uselang=de#/media/File:Мемориальная_доска_австрийскому_писателю_Йозефу_Роту_(Львове).jpg

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Gedenktafel für Joseph Roth in Lemberg (Lwiw)

Zwei Städte verdienen besondere Aufmerksamkeit in der westlichen Ukraine: Lemberg in Galizien und Czernowitz in der Bukowina. Unter habsburgischer Herrschaft ab 1772 wurde in Lemberg das Deutsche Teil eines vielsprachigen und multikulturellen Mosaiks, zu dem auch die ukrainische, jiddische, polnische und armenische Kultur gehörten. 

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Joseph Roth

Der Dichter Joseph Roth, der in Brody (Броди) geboren wurde, setzte seiner galizischen Heimat ein literarisches Denkmal. Ab 1869 verlor Deutsch jedoch mit der Einführung des Polnischen als Amtssprache an Bedeutung. Auch in Czernowitz gehörte Deutsch zur kulturellen Grundierung der Stadt. Rose Ausländer, Paul Celan und Selma Meerbaum-Eisinger schrieben hier ihre Gedichte. Die 1875 gegründete Universität war zum großen Teil deutschsprachig. Der Holocaust machte dieser Kultur ein Ende.

Marcus Ventzke

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https://deutsche.in.ua/de/news/informational-work/kommmit.html

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lädt ein, die deutsche Geschichte der Ukraine interaktiv zu erkunden. Die Navigationskarte führt zu ehemaligen Kolonien, historischen Gebäuden und Orten, die von deutschsprachigen Künstlern, Schriftstellern und Musikern geprägt wurden. Zu jedem Ort gibt es Texte, Bilder, Videos und Audioguides auf Ukrainisch, Deutsch und Russisch – ergänzt durch Videoführungen lokaler Experten durch Städte wie Odessa, Charkiw, Lemberg oder Luzk.
Den Reiseführer "Komm mit!" gibt es in den App-Stores.

20. Jahrhundert: Krieg, Hunger, Leid, Diktatur

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Der Erste Weltkrieg beendete die wirtschaftliche Blütezeit der Deutschen im Russischen Reich. Mit der Oktoberrevolution 1917, dem anschließenden Bürgerkrieg, Hungersnöten und der Zwangskollektivierung unter Stalin zerbrachen die gewachsenen Strukturen. Der stalinistische Terror traf die Deutschen besonders hart: Allein zwischen Juni und August 1937 wurden in Odessa 580 Deutsche als angebliche "Faschisten" verhaftet, im Gebiet Dnipropetrovsk über 4.200. Ab Herbst 1938 mussten deutsche Schulen auf Russisch oder Ukrainisch umstellen, die deutschen Dorfverwaltungen wurden aufgelöst. Für die rund 400.000 Deutschen in der Ukraine war die Zeit der kulturellen Selbstverwaltung vorbei.

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Darstellung

Alexander Frison (1875–1937) – Der letzte Bischof der Schwarzmeerdeutschen

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Alexander Frison

Alexander Frison wurde am 5. Mai 1875 in der Kolonie Baden (heute Otscheretiwka) bei Odessa geboren. Seine Vorfahren waren elsässische Auswanderer, die im 18. Jahrhundert dem Ruf Katharinas II. gefolgt waren. Nach dem Studium am Collegium Germanicum in Rom promovierte er 1902 zum Doktor der Philosophie und 1904 zum Doktor der Theologie.

Seine kirchliche Karriere begann 1905 am Priesterseminar in Saratow, wo er als Professor und Privatsekretär des Bischofs Josef Alois Kessler wirkte. Fünf Jahre später wurde er Rektor des Seminars. Nach der Oktoberrevolution verlegte das Seminar seinen Sitz nach Odessa, das noch nicht unter bolschewistischer Kontrolle stand. Frison übernahm 1919 die Pfarrei in Simferopol auf der Krim.

Die religiöse Verfolgung in der Sowjetunion verschärfte sich dramatisch. Bereits 1923 wurde Frison verhaftet und verbrachte sechs Monate im Gefängnis. Der Vatikan erkannte, dass die katholische Hierarchie in Russland faktisch ausgelöscht war – alle Bischöfe waren tot, im Exil oder inhaftiert. Papst Pius XI. fasste den Beschluss, eine Untergrund-Kirche zu errichten – ohne Wissen der sowjetischen Regierung. Der französische Jesuit Michel d'Herbigny wurde mit dieser geheimen Mission betraut. Unter einem Vorwand reiste er nach Moskau und weihte dort am 10. Mai 1926 Alexander Frison zum Bischof. Frison wurde Apostolischer Administrator von Odessa.

Die sowjetischen Behörden erfuhren bald von der geheimen Weihe. Zwischen 1929 und 1933 wurde Frison mehrfach von der Geheimpolizei verhaftet und wieder freigelassen. Im Oktober 1935 kam die letzte Verhaftung: Man beschuldigte ihn der Spionage für Deutschland. In einem Schauprozess verurteilte ihn ein Sondergericht 1936 auf der Krim zum Tode durch Erschießen. Das Urteil wurde am 20. Juni 1937 im Moskauer Butyrka-Gefängnis vollstreckt.

Alexander Frison war einer von vielen Geistlichen, die dem stalinistischen Terror zum Opfer fielen. Die katholische Kirche nahm ihn 1999 als Glaubenszeugen in das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts auf.

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Urheber: A. German, O. Silantjewa, "Fortjagen muss man Sie." Zeitzeugen und Forscher über die Tragödie der Russlanddeutschen, Moskau 2016, S. 304

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Elena Gerasimowa (zeitunglesend) aus dem Gebiet Schytomyr kam während des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland. 1945 wurde sie in die UdSSR "repatriiert" und musste dann in einem Arbeitslager in der Republik Komi in einer dünn besiedelten Taiga- und Tundra-Region leben.

Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion 1941 besiegelte das Schicksal der deutschen Siedlungen. Bereits nach dem Hitler-Stalin-Pakt 1939 waren die Deutschen aus Galizien und Wolhynien in den Warthegau umgesiedelt worden. Am 28. August 1941 ordnete der Oberste Sowjet die Deportation der Wolgadeutschen an. In der Folge wurden Deutsche aus dem gesamten Sowjetgebiet nach Sibirien, Kasachstan und Zentralasien verschleppt – darunter etwa 83.000 aus der Ukraine. Wer nach Westen geflohen war, wurde nach Kriegsende zwangsweise in die UdSSR zurückgebracht.

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Darstellung

Deportation und Zwangsabeit

Die Deportierten mussten bis 1955 in Sondersiedlungen Zwangsarbeit leisten. Erst 1964 hob die Sowjetregierung das Deportationsdekret auf, 1991 rehabilitierte Russland die verfolgten Deutschen. Ihre Nachkommen wanderten seit Mitte der 1980er Jahre als Spätaussiedler nach Deutschland aus – viele mit ukrainischen Wurzeln.

Marcus Ventzke

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Der lange Kontakt zwischen Deutschen und Ukrainern hinterließ auch Spuren in der ukrainischen Sprache. Es gibt im Ukrainischen zwischen 1.000 und 1.500 deutschsprachige Entlehnungen. Sie gelangten auf verschiedenen Wegen ins Ukrainische: durch das Magdeburger Stadtrecht im Mittelalter, durch die Habsburger Herrschaft in Galizien und durch russische Vermittlung nach den Reformen Peters I.

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Deutsche Wörter im Ukrainischen

Deutsche in der Ukraine nach 1991

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https://deutsche.in.ua/de/news/news/mozhlivosti-onlajnvivchennja-nimeckoi-movi.html

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Wie Phönix aus der Asche?

Nach der ukrainischen Unabhängigkeit 1991 begann für die deutsche Minderheit ein Neuanfang – symbolisiert durch das Emblem des Rates der Deutschen: einen Phönix, der für die Wiederbelebung eines selbstbestimmten kulturellen und sozialen Lebens der Deutschen in der Sowjetunion stand.

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https://art.deutsche.in.ua/de/page/postage-stamp

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Am 28. August 2020 brachte die Ukrposhta die Briefmarken "Deutsche" in der Serie "Nationale Minderheiten in der Ukraine" heraus. Sie sind der Geschichte und Kultur der deutschen Minderheit in der Ukraine gewidmet. Die erste Briefmarke zeigt Weihnachten. Deutsche Kolonisten brachten den Brauch des geschmückten Weihnachtsbaums in die Ukraine, wo er zur festen Tradition wurde. Auf der Briefmarke singen Kinder vor einem Christbaum und begleitet von einer Orgel das Lied „Stille Nacht". Der Musiker auf der Briefmarke erinnert an den wolhyniendeutschen Musiker und Komponisten Teofil Richter. (ART – Online Ausstellung der deutschen Minderheit in der Ukraine).

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https://art.deutsche.in.ua/de/page/postage-stamp

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Im Rahmen der Briefmarkenserie "Nationale Minderheiten in der Ukraine. Deutsche" wurden von Ukrposhta vier Miniaturen herausgegeben: "Schloss Schönborn", "Weihnachten", "Im Feld", "Tanz Sternpolka".

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https://art.deutsche.in.ua/de/page/postage-stamp

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Die Serie zu den nationalen Minderheiten wurde von Ukrposhta im Jahr 2015 mit einer den Krimtataren gewidmeten Ausgabe gestartet. Zwischen 2016 und 2019 hatte es bereits Serien zu jüdischen Bewohnern, Roma und Griechen gegeben (ART – Online Ausstellung der deutschen Minderheit in der Ukraine).

Das administrative Verbot über die Rückkehr der Deutschen in die Ukraine wurde erst am 3. November 1972 aufgehoben. Auch später gelang den Deutschen die Rückkehr nur vereinzelt. Erst seit der Unabhängigkeit der Ukraine im Jahr 1991 gibt es dort wieder eine größere deutsche Minderheit. Insgesamt kehrten bis zu 40 000 Deutsche aus Zentralasien in die Ukraine zurück – weniger als 5 Prozent der Vorkriegsbevölkerung. Der Großteil der Deutschen lebt in den Gebieten Donezk, Dnipro, Transkarpatien, Odessa und auf der Krim.

Bedeutende Deutsche in der Ukraine
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Theofil Richter (1872-1941) Sofia Falz-Fein (1839-1919) Johann Kornies (1789–1848)
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Theophil Richter

Teophil Richter (1872-1941) wurde in Schytomyr geboren. Seine deutschen Eltern waren nach 1861 als Siedler in die Ukraine gekommen. Teophil studierte von 1893 bis 1900 Klavier und Komposition. Im Jahr 1916 zog er mit seiner Familie nach Odessa. Dort war er Organist an der lutherischen St.-Pauls-Kirche und lehrte auch am Konservatorium. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 wurde er der Kollaboration mit den Deutschen beschuldigt, zum Tode verurteilt und kurz vor der deutschen Besetzung Odessas am 6. Oktober 1941 hingerichtet. Erst 1962 wurden die Beschuldigungen gegen ihn offiziell aufgehoben.

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Sofia Falz-Fein 

Sofija Bogdanowna Falz-Fein (geborene Knauff) stammte aus einer wohlhabenden Familie deutscher Kolonisten in Jekaterinoslaw (heute Dnipro). Im Jahr 1863 heiratete sie Eduard Falz-Fein, Miterbe einer der berühmtesten deutschen Kolonistenfamilien in der Ukraine. Die Familie besaß das größte Schafzuchtunternehmen Russlands und eines der besten Gestüte.

Nach dem frühen Tod ihres Mannes 1883 erbte sie das Familienimperium und erwies sich als außergewöhnliche Unternehmerin. Sie verlagerte den Handel auf den russischen Binnenmarkt, investierte in Geflügelzucht, gründete eine Weinkellerei, eine Süßwarenfabrik und eine große Konservenfabrik in Cherson. Die Fleisch- und Fischkonserven „Falz-Fein" mit ihrem Markenzeichen – einem Goldfisch auf einem Fahrrad – wurden in Russland und im Ausland verkauft.

Sie gründete den eisfreien Hafen Chorly und besaß 1903 bereits sechs Schiffe, darunter zwei Passagierdampfer. Ihr Sohn Friedrich gründete das berühmte Naturschutzgebiet Askania-Nowa. Sofia Falz-Fein wurde 1919 von den Bolschewiki ermordet.

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Johann Kornies

Johann Kornies wurde in einem Dorf bei Danzig geboren. Sein Vater war Arzt und Landwirt. 1804 übersiedelte die Familie nach Russland und ließ sich zunächst im mennonitischen Bezirk Chortitza nieder, 1806 dann im Dorf Orlow am Fluss Molotschna. Der aus einfachen Verhältnissen stammende Kornies arbeitete zunächst bei einem Müller, dann als Händler, der Lebensmittel aus den deutschen Kolonien in die Hafenstädte der Krim verkaufte. 1809 gründete er ein großes Schafzuchtunternehmen auf gepachtetem Land. Kornies wurde zu einem der bedeutendsten Landwirte Südrusslands. Er betrieb Pferde- und Schafzucht, Bienenhaltung sowie Ziegelei- und Kalkbrennereien. Er gründete das Staroberdansker Forstwesen und führte die Seidenraupenzucht in Taurien ein. Ab 1843 übernahm Kornies im Auftrag der russischen Regierung die Aufsicht über alle mennonitischen Schulen und führte moderne, kindgerechte Unterrichtsmethoden ein. Nach seinem Tod errichteten die Mennoniten auf seinem Grab eine abgebrochene Marmorsäule – als Zeichen dafür, dass sein Werk unvollendet blieb.

Theofil Richter (1872-1941) Sofia Falz-Fein (1839-1919) Johann Kornies (1789–1848)
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Aufgabe

Berühmte Deutsche in der Ukraine

In der Ukraine lebten und wirkten im 19. und frühen 20. Jahrhundert viele Deutsche, die das Land nachhaltig prägten.

  1. Recherchiere zu einer der Persönlichkeiten im Element „Bedeutende Deutsche in der Ukraine" oder in den spannenden Personenbeschreibungen hier und hier.
  2. Erstelle einen kurzen Steckbrief (ca. 150 Wörter).
  3. Vergleicht eure Steckbriefe in der Gruppe.
    1. Stellt Gemeinsamkeiten heraus.
    2. In welchen Bereichen haben Deutsche in der Ukraine besonders viel bewirkt?


Tipp:
Dein Steckbrief sollte folgende Fragen beantworten:

  • Stellt Gemeinsamkeiten heraus.
  • In welchen Bereichen haben Deutsche in der Ukraine besonders viel bewirkt?
  • Woher stammte die Person oder ihre Familie ursprünglich?
  • Wo in der Ukraine lebte und arbeitete sie?
  • Was war ihre wichtigste Leistung?
  • Welche Spuren ihres Wirkens sind bis heute erhalten?
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Darstellung

Institutionen der Deutschen in der Ukraine und deren Tätigkeitsgebiete

Institutionelle Strukturen

Im Jahr 1996 wurde die "Deutsch-Ukrainische Regierungskommission für die Angelegenheiten der in der Ukraine lebenden Personen deutscher Abstammung" gegründet. Im selben Jahr fand der erste Kongress der Deutschen der Ukraine statt, der den Rat der Deutschen als Dachverband gründete.

Brückenfunktion

Die wichtigste Aufgabe aller gesellschaftlichen Organisationen der Deutschen der Ukraine ist es, eine Brücke zwischen der ukrainischen und der deutschen Bevölkerung und ihren jahrhundertealten Kulturen zu bilden. Der Rat spielt eine entscheidende Rolle bei der Unterstützung des zuständigen Ausschusses der Werchowna Rada bei der Reform der Gesetzgebung zum Schutz der Rechte nationaler Minderheiten.

Kulturelle und soziale Arbeit

Durch die Unterstützung der deutschen Bundesregierung wurden in mehr als 60 ukrainischen Städten und Dörfern Begegnungszentren eingerichtet, in denen deutsche Sprache und Geschichte unterrichtet werden. Eine wichtige Rolle für die Erhaltung der oft nur noch schwach ausgeprägten kulturellen Identität spielt auch die evangelisch-lutherische Kirche. Die Deutschen in der Ukraine verstehen sich heute als Teil der ukrainischen Gesellschaft und als Vermittler zwischen beiden Ländern – in Kultur, Wirtschaft und Jugendaustausch.

Marcus Ventzke

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Darstellung

Neuanfang der Deutschen in der Sowjetunion: "1. Außerordentlicher Kongress der Deutschen der UdSSR" 1991

Schon Ende der 1980er Jahre begannen die Deutschen in der Sowjetunion, sich selbst neu zu organisieren und einen Wiederaufbau ihres Lebens und viele weitere drängende Fragen zu diskutieren – von der Rehabilitation über die Rückkehr in ehemalige Siedlungsgebiete bis zur Anknüpfung neuer Beziehungen mit Deutschland.
Die Geschichte der ersten Zusammenkunft von Vertretern der Deutschen beim "1. Außerordentlichen Kongress der Deutschen der UdSSR" im März 1991 wird in einem Bericht der "rd-zeitung.eu" vom 14.2.2018 dargestellt.

Krieg gegen die Ukraine – auch ein Krieg gegen die Deutschen in der Ukraine

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Urheber: Wmeinhart - Wolfgang Meinhart, Hamburg

https://de.wikipedia.org/wiki/Odessa#/media/Datei:Odessa.St%C3%A4dtepartnerschaften.wmt.jpg

PD

Wegweiser zu den Partnerstädten in Odessa: Wann kann Odessa wieder im Frieden mit deutscher, georgischer, russischer, spanischer, kanadischer oder italienischer Kultur verbunden sein?

Putins Krieg gegen die Ukraine ist auch ein Krieg gegen die Kultur. Ehemalige deutsche Siedlungen an der Schwarzmeerküste sind vom Krieg bedroht. Die systematische Zerstörung von Städten wie Cherson und Mariupol bedroht und zerstört Kultur und Geschichte – auch deutsche Kultur und Geschichte.

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Quelle

Über die Zukunft der Deutschen in der Ukraine im Krieg und danach: Fragen an Volodymyr Leysle (Vorsitzender des Rates der Deutschen der Ukraine)

"Wir sehen uns ganz klar als Europäer. Es gibt positive Sachen von beiden Nationen und man kann das Beste von beiden Seiten nutzen. Für uns gibt es keinen Konflikt zwischen den Identitäten. Man kann aber sagen, wenn wir einen Konflikt wie zum Beispiel im Osten der Ukraine haben, dann sagen alle 'Wir sind ukrainische Bürger und helfen.' [...] Viele Deutsche, die in der Ostukraine leben, sagten: 'Wir suchen für unsere Kinder bessere Möglichkeiten.' Darum haben wir viele Binnenflüchtlinge, die jetzt in Kiew, Odessa oder Lemberg leben. Es gibt Menschen, die gut Deutsch sprechen und jetzt als ukrainische Bürger in Deutschland arbeiten oder als Spätaussiedler dort leben. Aber wenn Menschen eine gute Perspektive für sich hier sehen, dann bleiben sie auch. Die deutsche Minderheit hat eine positive Zukunft in der Ukraine."

Hinweis zu Volodymyr Leysle:
Volodymyr Leysle ist der Vorsitzende des Rates der Deutschen der Ukraine und lebt in Kyjiw. Seine Eltern stammen aus Ostkasachstan, wohin Verwandte in den 1930er und 1940er Jahren deportiert worden waren. Geboren wurde er in Riga, aufgewachsen ist er in Kasachstan. Dort entdeckte er während des Studiums die deutsche Gemeinschaft. Nach dem Umzug auf die Krim gründete er den Deutschen Jugendverband der Krim, leitete ab 2001 den Gesamtukrainischen Jugendverband und wurde 2009 Vorsitzender des Rates der Deutschen in der Ukraine – eines Dachverbands für über 100 Organisationen.

Zusammenfassung: Die ukrainedeutsche Perspektive

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