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4.5 Die Vertreibung aus dem Sudetenland

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Urheber: Foto: Bundesarchiv, Bild 183-W0911-501 / CC-BY-SA 3.0

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-W0911-501,_Nordwestdeutschland,_vertriebene_Familie.jpg

Cc3BYSA

Flucht und Vertreibung aus dem Sudetenland.

4.5 Die Vertreibung aus dem Sudetenland

1

Die Ostpreu├čen aus dem letzten Kapitel waren 1945 bereits seit Jahrhunderten Teil Preu├čens und sp├Ąter Deutschlands gewesen. Diesen Menschen w├Ąre es┬ánicht in den┬áSinn gekommen, sich selbst als etwas anderes als Deutsche zu bezeichnen. Die Menschen, um die es in diesem┬áKapitel geht, hatten 1945 schon mehrere Staatswechsel hinter sich. Innerhalb von 30 Jahren waren sie ├Âsterreichische, tschechoslowakische und dann deutsche Staatsb├╝rger gewesen und all diese Zeit das geblieben, als was sie sich selbst sahen: Sudetendeutsche. Doch auch diese so an┬ápolitischen Wandel gewohnten Menschen sollten mit Ende des Zweiten┬áWeltkriegs ihre Heimat endg├╝ltig verlieren.

Die Sudetendeutschen

2

In B├Âhmen und M├Ąhren waren Deutsche seit Jahrhunderten zuhause. Als nach dem Ersten Weltkrieg die ├Âsterreichisch-ungarische Monarchie zerbrach, wurde aus B├Âhmen und M├Ąhren (und weiteren Gebieten) der neu gegr├╝ndete Tschechoslowakische Staat. F├╝r die Tschechen und Slowaken erf├╝llte sich damit der langgehegte Traum nationaler Eigenst├Ąndigkeit. Die etwa 3,5 Millionen Deutschen, die pl├Âtzlich von ├Âsterreichischen zu tschechoslowakischen Staatsb├╝rgern wurden, waren weniger begeistert. Im alten ├ľsterreichischen Reich waren sie als Deutsche privilegiert behandelt worden. Ihre Sprache war dieselbe wie die des Kaiserhauses. Das ├Ąnderte sich nun. Tschechisch wurde Amtssprache, den Deutschen wurden ihre alten Rechte und Privilegien gestrichen. Die Sudetendeutschen und die neue nationale Regierung in Prag standen sich von Anfang an misstrauisch gegen├╝ber.

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Urheber: Digitale Lernwelten GmbH, derivative work from Henry M├╝hlpfordt (talk)

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Czechoslovakia_1930_linguistic_map_-_de.svg#/media/File:Czechoslovakia_1930_linguistic_map_-_de.svg

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Sprachenkarte der Tschechoslowakei, 1930

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Geschichten aus dem Braunauer Land | Riesengebirgs-Mundart | Sudetendeutsche Dialekte
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https://www.youtube.com/watch?v=9UgFymZKQ9s

Ein eigener Dialekt: Der Sudetendeutsche Leo Sch├Ân tr├Ągt ein Gedicht in sudetendeutscher Mundart vor
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Die Geschichte der Sudetendeutschen
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https://www.youtube.com/watch?v=UEYPqQxDfAw

Die Geschichte der Sudetendeutschen
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Deutsche Bev├Âlkerung in der TschechoslowakeiEinwohnerzahl 1939
Tschechoslowakei gesamt3.544.000
Sudetendeutsche Gebiete3.012.000
├ťbriges B├Âhmen und M├Ąhren 259.000
Westliches Teschener Schlesien 67.000
Hultschiner L├Ąndchen 52.000
Slowakei 130.000
Karpato-Ukraine 24.000
Andreas Kossert, Kalte Heimat, M├╝nchen 2008, S. 22/23

Heim ins Reich

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Eger, Besuch Adolf Hitlers
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Urheber: Bundesarchiv, Bild 137-004055 / CC-BY-SA 3.0

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_137-004055,_Eger,_Besuch_Adolf_Hitlers.jpg

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Adolf Hitler im tschechischen Eger (heute Cheb) nach dem "Anschluss"

Seit 1933 gewann die nationalsozialistische Bewegung unter den Sudetendeutschen immer gr├Â├čeren Einfluss. Die Sudetendeutschen forderten in enger Absprache mit Hitler den Anschluss des Sudetenlandes an Deutschland. Sie stellten der tschechoslowakischen Regierung immer unerf├╝llbarere Forderungen, um Hitler einen Vorwand f├╝r den Einmarsch zu liefern. ÔÇ×Die letzte territoriale Forderung, die ich Europa zu stellen habe, ist die Abtretung der sudetendeutschen Gebiete von der TschechoslowakeÔÇť, forderte Hitler noch am 26. September 1938 in einer Rede im Berliner Sportpalast. Mit einer ÔÇ×Heim ins ReichÔÇť-Kampagne hatte die Sudetendeutsche Partei schon vierzehn Tage nach dem Anschluss ├ľsterreichs die 3,25 Millionen Sudetendeutschen in der Tschechoslowakei mobilisiert.┬á

Hitler lie├č nichts unversucht, die Spannungen zu steigern. Daran ├Ąnderte auch der Vermittlungsversuch des englischen Premierministers Chamberlain nichts. Um einen Krieg zu vermeiden, stimmten Gro├čbritannien und Frankreich┬ádann ohne Beteiligung der Prager Regierung┬áim ÔÇ×M├╝nchener AbkommenÔÇť vom 29. September 1938 dann der Abtretung des sudetendeutschen Gebietes an Deutschland zu. Am 1. Oktober 1938 wurde das Sudetenland dem Deutschen Reich angegliedert. Entgegen Hitlers Versicherung, nach dem ÔÇ×AnschlussÔÇť des Sudetenlandes keine Gebietsanspr├╝che mehr zu haben, ├╝berfielen am 15. M├Ąrz 1939 deutsche Truppen die Tschechoslowakei.

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Br├╝nn, Einmarsch deutscher Truppen
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Urheber: Bundesarchiv, Bild 183-2004-0813-500 / Unknown / CC-BY-SA 3.0

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-2004-0813-500,_Deutsche_Truppen_in_Br%C3%BCnn.jpg

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Deutsche Truppen beim Einmarsch im tschechischen Br├╝nn (heute Brno), M├Ąrz 1939

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Aufgabe

Bilder aus Eger und Br├╝nn

  1. Vergleiche die beiden Fotos aus Eger und Br├╝nn oben. Achte dabei besonders auf die Reaktionen der Zuschauer.
  2. Erkl├Ąre die Unterschiede in den┬áReaktionen. Beachte dabei, dass Eger im Sudetenland liegt, Br├╝nn nicht.
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Volksabstimmung 1935 im Sudetenland
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Urheber: J├╝rgen Heller Privat Briefmarkensammlung

PD

Briefmarke zur Volksabstimmung im Sudetengau im Dezember 1938.

Einmarsch deutscher Truppen in Eger
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Urheber: Bundesarchiv Bild 183-R83186, Eger, beim Einr├╝cken deutscher Truppen.jpg

https://commons.wikimedia.org/w/index.php?search=Einmarsch+deutscher+Truppen+in+Eger&title=Special:MediaSearch&go=Go&type=image

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Einmarsch der Wehrmacht in die Tschechoslowakei. Verzweifelt und zum Hitlergruss gezwungen beobachtet eine Pragerin den Einmarsch der deutschen Truppen in die tschechische Hauptstadt Prag im M├Ąrz 1939.

Tschechische Briefmarke mit Aufdruck
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Urheber: J├╝rgen Heller Privat Briefmarkensammlung

PD

Tschechische Briefmarke mit Aufdruck "Wir sind frei".

Plakat Aufruf an die Bev├Âlkerung
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Plakat: Deutscher Aufruf an die tschechische Bev├Âlkerung Prag 1939.

Schnell hat die einheimische Bev├Âlkerung den Kontakt mit den Truppen hergestellt. 3.10.38
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Urheber: Bundesarchiv Bild 183-H13158, Anschluss sudetendeutscher Gebiete.jpg

https://commons.wikimedia.org/w/index.php?search=Einmarsch+Wehrmacht+Tschechoslowakei&title=Special:MediaSearch&go=Go&type=image

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Anschluss sudetendeutscher Gebiete. Wehrmachtsangeh├Ârige werden willkommen gehei├čen.

Rache an den "Verr├Ątern"

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Die Deutschen machten die Tschechoslowakei zum "Reichsprotektorat B├Âhmen und M├Ąhren". Die Tschechen und Slowaken hatten unter der deutschen Besatzung schwer zu leiden, Oppositionelle wurden verhaftet, M├Ąnner zum Kriegsdienst oder zur Zwangsarbeit im Deutschen Reich eingezogen. Widerstandsaktionen wurden von den Deutschen mit Massakern an der Zivilbev├Âlkerung beantwortet.

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Fl├╝chtlinge aus dem Sudetenland
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Urheber: http://www.sudetendeutsche-stiftung.de/Museum/Zeitgeschichte/zeitgeschichte.html

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Vertreibung.jpg

CcBY

G├╝terwagen transportieren Frauen und Kinder aus dem Sudetenland.

Als die Tschechoslowakei 1945 von den Alliierten befreit wurde und die tschechische┬áRegierung aus dem Exil zur├╝ckkehren konnte, war f├╝r viele Tschechen die Zeit f├╝r Vergeltung an allen Deutschen gekommen.┬áSie┬ár├Ąchten sich an den Sudetendeutschen, indem sie diese enteigneten, drangsalierten und schlie├člich vertrieben. Zum gr├Â├čten Teil Frauen, Kinder, Kriegskr├╝ppel und alte Leute mussten die aufgestaute Wut ├╝ber sich ergehen lassen.

13
§ PD

Armbinde mit dem Buchstaben N

Alle Deutschen in der Tschechoslowakei mussten sich registrieren lassen und eine wei├če Armbinde mit dem Buchstaben "N" (f├╝r Nemec ÔÇô Deutscher) tragen. ÔÇ×Heim ins Reich!ÔÇť hatten sich 1938 viele Sudetendeutsche gew├╝nscht. Das bekamen sie nun nicht selten ÔÇô sarkastisch ÔÇô von tschechischer Seite nachgerufen. Der Ablauf der Ausweisungen und Vertreibung war dem├╝tigend. Die Vertriebenen wurden zu Fu├č oder eingepfercht in Vieh- und G├╝terwagen abtransportiert und aus dem Land geworfen.

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Zeitgen├Âssische tschechische Karikatur ├╝ber die Vertreibung der Sudetenheuten.
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Urheber: Josef Bidlo, Zeitschrift Dikobraz Stiftervrein M├╝nchen sowie HKM Hessen und Haus der Heimat Baden-W├╝rtemberg. In: Umsiedlung, Flucht und Vertreibung der Deutschen als internationales Problem.

PD

Eine Tschechische Karikatur ├╝ber die Vertreibung der Sudetendeutschen:┬á"Das sind aber gemeine Kerle, die Tschechen, statt der schwarzen Trauerarmbinde m├╝ssen wir eine wei├če tragen."

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Helga Herale im Gespr├Ąch mit Elena Schilling - Daheim in der Fremde
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https://www.youtube.com/watch?v=DwDesvyLqNg&t=38s

Die sudetendeutsche Zeitzeugin Helga Herale
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Quelle

Ausweisungsbescheid der Tschechen an die deutschen Bewohner.

Sie haben sich am _ _ _ _ _ _ um _ _ _ Uhr mit allen Ihren Familienmitgliedern, welche f├╝r den Abtransport bestimmt sind, auf der Sammelstelle in Ihrer Gemeinde einzufinden. Sie und jedes Familienmitglied hat mitzunehmen:

2 Decken, 4 W├Ąschegarnituren, 2 gute Arbeitsanz├╝ge, 2 Paar gute Arbeitsschuhe, einen guten Arbeitsmantel (Winterrock), Essch├╝ssel, Esstopf- und Essbesteck, 2 Handt├╝cher und Seife, N├Ąhbedarf (Nadel und Zwirn), Lebensmittelkarten und die amtlichen Personalpapiere, etwas Lebensmittel, alles zusammen in einem Gesamtgewicht von 50 kg pro Person. Weiteres k├Ânnen Sie pro Kopf _ _ _ _ RM mitnehmen. Weiteres haben Sie dreifach ein genaues Verzeichnis Ihrer Wohnungseinrichtung, welche nach Ihrem Abgang in der Wohnung verbleibt, aufzustellen. Alle Schmucksachen, Bargeld in fremder W├Ąhrung und alle Sparkassenb├╝cher liefern Sie mit einem besonderen Verzeichnis pers├Ânlich ab. Ebenso die Haus- und Wohnungsschl├╝ssel, welche mit einem Pappschildchen mit Name und Adresse versehen, legen Sie in einen Briefumschlag. Nachdr├╝cklich werden Sie aufmerksam gemacht, da├č aus Ihrem Besitz nichts verkauft, verschenkt, verborgt oder aufgewendet werden darf. Die Nichtbefolgung obiger Aufforderung wird streng bestraft !

Ausweisungsbescheid aus dem Politischen Bezirk Prachatitz 1946, f├╝r die zu vertreibende Deutsch-Ethnische Bev├Âlkerung der Tschechoslowakei.

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Aufgabe

Ein Leben einpacken

  1. Handelt es sich bei diesen Vorg├Ąngen um eine Flucht oder eine Vertreibung? Begr├╝nde deine Antwort.
  2. Lies dir die Liste im Quellenkasten oben durch. Das war alles, was die betroffenen Menschen mitnehmen durften. Stell dir vor, du w├Ąrst in derselben Situation, m├╝sstest deine Heimat verlassen und d├╝rftest nichts, was nicht auf der Liste steht, mitnehmen. Schreibe drei Dinge auf, die f├╝r dich am schmerzhaftesten zur├╝ckzulassen w├Ąren.
  3. "Weiteres haben Sie dreifach ein genaues Verzeichnis Ihrer Wohnungseinrichtung, welche nach Ihrem Abgang in der Wohnung verbleibt, aufzustellen. Alle Schmucksachen, Bargeld in fremder W├Ąhrung und alle Sparkassenb├╝cher liefern Sie mit einem besonderen Verzeichnis pers├Ânlich ab." Weshalb sollten die Deutschen solche Verzeichnisse anlegen? Vermute.

Heimat als Spurensuche

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Alte Fotos, Briefe, Urkunden, Alltagsgegenst├Ąnde und Dokumente ├Âffnen ein Fenster in unsere Vergangenheit. Oft schlummern diese Erinnerungsst├╝cke verstaubt, versteckt oder vergessen in Koffern, Schubladen, Ordnern und Kisten. Sie spiegeln Hoffnungen und ├ängste, Freud und Leid wieder. Sie erm├Âglichen die Entstehung von Biografien, Familiengeschichten und den Austausch zwischen den Generationen. Objekte k├Ânnen traumatische ebenso wie glorreiche Vergangenheiten aufleben lassen.

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Fluchtobjekt Teddyb├Ąr
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Urheber: J├╝rgen Heller Privatsammlung

PD

Fluchtobjekt Teddyb├Ąr, Sudetenland (Tetschen-Bodenbach, 1946)

Kriegsgefangenenpost des Vaters Rudolf Heller aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Italien/Neapel
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Urheber: J├╝rgen Heller Privatsammlung

PD

Kriegsgefangenenpost - Von Rudolf Heller an seine Frau K├Ąthe

§ PD

Soldat Rudolf Heller in Ru├čland (verwundet) und in Italien (Kriegsgefangenschaft)

Suchanfrage des Kriegsgefangenen Rudolf Heller (Vater) beim Roten Kreuz in Genf zum Verbleib seiner Ehefrau K├Ąthe Heller Verbleib seiner Ehefrau.
§ PD

Suchanfrage beim Roten Kreuz in Genf

Originaler tschechischer Reisepass meiner Mutter
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Urheber: J├╝rgen Heller Privatsammlung

PD

Reisepass (Umschlag) f├╝r K├Ąthe Heller

Familiengeschichte trifft Zeitgeschichte - Verlust von Heimat

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Hinweis: Die folgenden Texte sind aus der pers├Ânlichen┬áPerspektive von J├╝rgen Heller, dem Autor dieses Kapitels, geschrieben.

Unter den 3 Millionen Sudetendeutschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, waren tausende Kinder. Darunter auch meine beiden Br├╝der Manfred (8) und Burkhard (5), sowie meine Mutter Katharina (37) und meine Gro├čmutter Johanna (70). Mein Vater Rudolf befand sich zu dieser Zeit in amerikanischer Kriegsgefangenschaft bei Neapel/Italien und eine R├╝ckkehr ins Sudetenland war verboten und damit ausgeschlossen. Somit sind drei Generationen gezwungen, ihre Heimat Tetschen-Bodenbach im Sudetenland zu verlassen. Meine Eltern sind nie zur├╝ckgekehrt.

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Die sudetendeutsche Geschichte der Familie des Kapitelautors
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Fl├╝chtling Johanna Heller (Gro├čmutter) aus dem Sudetenland
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Urheber: J├╝rgen Heller Privatsammlung

PD

Johanna Heller, mit 70 Jahren, Hausfrau

Fl├╝chtling K├Ąthe Heller (Mutter) aus dem Sudetenland
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Urheber: J├╝rgen Heller Privatsammlung

PD

K├Ąthe Heller, mit 37 Jahren, Fabrikarbeiterin

Fl├╝chtlingskinder Manfred und Burkhard Heller (Br├╝der) aus dem Sudetenland
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Urheber: J├╝rgen Heller Privatsammlung

PD

Zeitzeugen Manfred Heller, 8 Jahre (heute 84) und Burkhard Heller, 5 Jahre (heute 81).

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24

Als meine Familie im Juni 1946 ihren Heimatort Tetschen-Bodenbach (heute Decin) verlassen musste, um mit dem Zug in Richtung bayrische Grenze aufzubrechen, durfte nur das N├Âtigste mitgenommen werden. Au├čer etwas Kochgeschirr waren dies ein Teddyb├Ąr und ein paar Fotos, versteckt in einem Bratpfannenstil, die zur Erinnerung geblieben sind. Ein alter Holzkoffer und ein paar Prisoner-Of-War-Briefe auf dem Dachboden erinnern an die amerikanische Kriegsgefangenschaft meines Vaters. Zum Gl├╝ck gibt es aber noch diese Dokumente, die die Flucht aus Tetschen-Bodenbach fast l├╝ckenlos belegen.

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Darstellung

Fluchterfahrungen

Ortsansicht von Tetschen-Bodenbach im Sudetenland
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Urheber: J├╝rgen Heller privat Postkartensammlung

PD

Alte Postkarte von Bodenbach/Sudetenland an der Elbe

Alte Heimat Tetschen-Bodenbach/Sudetenland

Die milit├Ąrische Lage war hier bei Kriegsende sehr un├╝bersichtlich. Immer wieder wurde Fliegeralarm ausgel├Âst. Zur gleichen Zeit setzten tschechische und deutsche Widerstandsk├Ąmpfer gemeinsam in Tetschen-Bodenbach die NS-F├╝hrung ab und ├╝bernahmen die Leitung der Stadt. Unter den Antifaschisten waren sowohl Tschechen als auch deutsche Kommunisten und Sozialdemokraten. Im Bezirk Tetschen-Bodenbach lebten Anfang Mai 1945 etwa 122.000 Einwohner, davon waren etwa 120.000 deutscher Nationalit├Ąt. Die ersten Tschechen, die nach Mai 1945 hierher kamen, wollten von den deutschen Antifaschisten ├╝berhaupt nichts wissen. Sie waren radikaler gegen die Deutschen eingestellt als diejenigen Tschechen, die ihr ganzes Leben mit Deutschen friedlich in den Grenzgebieten gelebt hatten. Dazu geh├Ârte auch unsere Familie, die mindestens in vier Generationen hier zuhause war.┬á

Fluchterfahrungen meiner Br├╝der

Ganz in der N├Ąhe unserer Wohnung befand sich auf einer Wiese ein Russenlager mit Planwagen, Pferden und einer Feldk├╝che. Die Russen hatten die ortsans├Ąssige Schokoladenfabrik Riegerhansi gepl├╝ndert. Weil wir die Pferde mit Wasser versorgten, erhielten wir von den russischen Soldaten als Belohnung Schokolade. Einer meiner Br├╝der kann sich noch sehr gut daran erinnern, dass vier Tschechen mit Maschinengewehren unser Haus betraten. Wir sollten das Haus innerhalb von 15 Minuten verlassen. Eilig steckten wir unseren geliebten Teddyb├Ąr in einen Rucksack.┬áW├Ąhrendessen durchsuchte eine tschechische Frau unsere Kleiderschr├Ąnke, um zu sehen, was sie sofort oder sp├Ąter mitnehmen kann. Ein guter tschechischer Freund unserer Familie war uns wohlgesonnen und begleitete uns zum Bahnhof, wo wir einen Zug besteigen mussten, der uns zur Grenze bringen sollte. Bei anderer Gelegenheit hatte dieser Tscheche uns bei einer Hausdurchsuchung im Keller versteckt und die T├╝r mit einem Baumstamm verriegelt. Bei der ├╝bereilten Flucht hatte Manfred seinen Lieblings-Nussknacker im Haus vergessen. Er durfte ihn nicht mehr holen, das Haus war bereits verschlossen.

Dokumente der Flucht und Vertreibung

Anhand der Dokumente kann man den Verlauf der Flucht vom Bahnhof Tetschen-Bodenbach bis Hessen gut verfolgen. Zun├Ąchst ging es mit dem Transportzug ins ÔÇ×DurchgangslagerÔÇť Wiesau in der Oberpfalz. Dort fand eine Entlausung statt. Von dort ging es zur bayrischen Grenze nach Schierding. Erstes ÔÇ×AuffanglagerÔÇť in Hessen war Dieburg/bei Darmstadt. Am Ende der Fluchtroute stand das kleine Bauerndorf Langenstein/Kr. Marburg in Mittelhessen. Unsere erste neue Heimat.

Werbeanzeige Schokoladenfabrik R├╝ger-Hansi
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Urheber: J├╝rgen Heller Privatsammlung

PD

"R├╝ger Hansi" - Werbetr├Ąger der Schokoladenfabrik Otto R├╝ger in Bodenbach.┬á

J├╝rgen Heller

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Fl├╝chtlingspass K├Ąthe Heller
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Urheber: J├╝rgen Heller Privatsammlung

PD

Fl├╝chtlingspass f├╝r die Mutter K├Ąthe Heller (38 Jahre), die Gro├čmutter Johanna Heller (70 Jahre) sowie Manfred (8) und Burkhard (5)

Tschechischer Personalausweis f├╝r K├Ąthe Heller
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Urheber: J├╝rgen Heller Privatsammlung

PD

Reisepass K├Ąthe Heller, geb. Wachwest, ausgestellt 9.2.1927 in Tetschen

Transportzettel f├╝r Antifaschisten
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Urheber: J├╝rgen Heller Privatsammlung

PD

Transportzettel f├╝r Antifaschisten

Gesundheitsschein
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Urheber: J├╝rgen Heller Privatsammlung

PD

Gesundheitsschein (Entlausung) Ärztliche Grenzuntersuchung Wiesau/Oberpfalz am 5.6.1946

Ortsansicht von Langenstein/Kreis Marburg - die neue Heimat
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Urheber: J├╝rgen Heller Privatsammlung

PD

Neue Heimat Langenstein/Kr. Marburg - Ein Bauerndorf in Mittelhessen

Originaler tschechischer Reisepass meiner Mutter
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Urheber: J├╝rgen Heller Privatsammlung

PD

Tschechischer Reisepass K├Ąthe Heller

Heimatschein - ausgestellt auf K├Ąthe Heller
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Urheber: J├╝rgen Heller Privatsammlung

PD

Heimatschein f├╝r K├Ąthe Heller vom 21.4.1934. Der Heimatschein (List Domovsky) regelt die Gemeindezugeh├Ârigkeit.

Aufenthalts- und Transportgenehmigung
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Urheber: J├╝rgen Heller Privatsammlung

PD

Transportgenehmigung f├╝r K├Ąthe Heller nach Schirding am 4.6.1946

die Gro├čeltern - K├Ąthe Heller (geb. Wachwest) und Fritz Wachwest
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Urheber: J├╝rgen Heller Privatsammlung

PD

Die Urgro├čeltern: Josef Heller, geb. 16.4.1874 in Langenau, Gastwirt, und Johanna Heller, geb. Graf, geb. 1876 in B├Âhm. Leipa

Die Gro├čeltern: Fritz Wachwest, von Beruf Dachdecker, und Maria Wachwest, geb. M├╝ller, Schneiderin

Die Ur-Urgro├čeltern
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Urheber: J├╝rgen Heller Privatsammlung

PD

Die Ururgro├čeltern: Ururgro├čvater August Heller, Strumpfwirker aus Kamnitz, Name der Ururgro├čmutter nicht zu ermitteln

Trauschein der Ur-Gro├čeltern
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Urheber: J├╝rgen Heller Privatsammlung

PD

Trauschein 1898 der Urgro├čeltern Josef Heller, Gastwirt, geb. 1874 in Langenau, und Johanna Graf, geb. 1876 in B├Âhm. Leipa

Trauschein der Gro├čeltern Rudolf und K├Ąthe Heller von 1937
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Urheber: J├╝rgen Heller Privatsamlung

PD

Trauschein 1937 der Eltern Rudolf Heller und Katharina Heller, geb. Wachwest

Entlassungsschein von Rudolf Heller aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft
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Urheber: J├╝rgen Heller Privatsamllung

PD

Entlassungsschein Rudolf Heller (Vater) vom 16.1.1947 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Neapel

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Heimat ist mehr als ein Ort ÔÇô J├╝rgen Heller erz├Ąhlt
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https://www.youtube.com/watch?v=uoYD4e4cfwQ

J├╝rgen Heller, der Autor dieses Kapitels, spricht ├╝ber seine Familiengeschichte.
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Quelle

Neue Heimat Hessen

Wir wurden von einer Bauernfamilie aufgenommen und wohnten beengt in einem ehemaligen Schulgeb├Ąude. Darin wohnte auch eine Lehrerin, die uns Fl├╝chtlingen nicht wohlgesonnen war. Unser Vater war noch in Kriegsgefangenschaft und meine Mutter musste der Bauernfamilie auf dem Feld helfen. Mein Bruder und ich mussten die Eier auf dem Bauernhofgel├Ąnde einsammeln. Im Wald sammelten wir Heidelbeeren und Pilze.┬áAls unser Vater - nach einer Suchanfrage beim Roten Kreuz in Genf - nach Langenstein kam,┬áverkaufte er von T├╝r zu T├╝r Bleistifte, Schulhefte und Radiergummis. Es war seine erste Arbeit nach der Gefangenschaft. Danach arbeitete er bei einem j├╝dischen Verlag in Marburg an der Lahn. Im Oktober 1947 kamen unsere Zwillingsbr├╝der J├╝rgen und Hans zur Welt. Viele Jahre sp├Ąter haben unsere Eltern nur ganz selten ├╝ber Krieg, Shoa und Vertreibung gesprochen. Wenn ├╝berhaupt, dann war die Flucht und die Erinnerung an das Sudetenland das alleinige Thema. Unsere erste Schallplatte hatte dazu den passenden Titel: "Das Lied der Fl├╝chtlinge" von Hans Albers aus dem Jahre 1947. Meine Eltern sind nie in das Sudetenland zur├╝ckgekehrt.

Zeitzeugen Manfred und Burkhard Heller

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Aufgabe

  1. Verfolgt die Fluchtroute von Tetschen-Bodenbach (heute Decin) nach Langenstein/Kr. Marburg auf einer Karte.
  2. Versetze dich in die Rolle eines Fl├╝chtlings. Du hast 15 Minuten Zeit, deine Sachen zu packen. Welche Gegenst├Ąnde und Dokumente nimmst du mit auf die Flucht? Tauscht eure Ergebnisse aus.
  3. Ein deutscher Fl├╝chtling kehrt nach ├╝ber 60 Jahren in seine fr├╝here Wohnung/Haus zur├╝ck. Dort wohnt eine tschechische Familie. Schreibt auf, welches Gespr├Ąch entstehen k├Ânnte.

Zusammenfassung: Vertreibung der Sudetendeutschen

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