6.3 Zum Vergleich: Das Thema Flucht und Heimatvertriebene in der DDR
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Neue Heimat? Alte Heimat neuer Umgebung? Keine Heimat?
6.3 Zum Vergleich: Das Thema Flucht und Heimatvertriebene in der DDR
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Nach dem Krieg fanden sich Flüchtlinge und Vertriebene in verschiedenen Besatzungszonen der Alliierten wieder. Was bedeutete es, in die sowjetische oder eine der westlichen Besatzungszonen geraten zu sein? Und wie war später das Leben für Flüchtlinge oder Vertriebene in der Bundesrepublik und der DDR?
Ein sogenannter Umsiedler als Neubauer in Neudietendorf (Thüringen, 1950)
Flüchtlinge und Vertriebene hatten ein hartes Schicksal. Sehr oft hatten sie nichts als das blanke Leben gerettet. Besitz und ein soziales Umfeld, in dem man sie kannte, in das sie eingebettet waren und das ihren Alltag prägte – das alles hatten sie verloren. Mitten in einer schlimmen Notsituation kamen sie in Städte und Dörfer, in denen Menschen lebten, die oftmals selbst nicht genug zu essen hatten und an den Folgen des Krieges litten.
Flüchtlinge und Vertriebene waren oft auf das Mitleid anderer Menschen oder die Hilfe der Behörden angewiesen. Sie wurden in Bauernhöfe und beengte Mietshäuser einquartiert. Oftmals errichtete man für sie auch Notbehausungen.
Sie mussten mit oftmals anderen Gewohnheiten, Traditionen und Sichtweisen der Menschen zurechtkommen, mit denen sie jetzt neu zusammenlebten. Die in Ostpreußen oder Schlesien gesprochenen Dialekte verstanden Menschen in Bayern oder Thüringen nicht. Die Ernährungsgewohnheiten waren anders. Oftmals kamen Menschen auch in Gebiete mit anderer christlicher Konfession. Sie mussten Arbeit finden und konnten oft nicht in ihren Berufen weiterarbeiten. Viele Frauen, die nur mit ihren Kindern nach Westen gekommen waren und deren Männer im Krieg umgekommen oder in Gefangenschaft geraten waren, mussten mit all den Schwierigkeiten ganz allein klarkommen.
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Material
Flüchtlinge und Vertriebene in Ost und West - Zahlen
Einwohner beider deutscher Staaten 1949/50: 66,5 Millionen Menschen
darunter 12 Millionen Vertriebene (18% der Gesamtbevölkerung)
auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland: 7,9 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene (bis 1950)
auf dem Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik (DDR): 4,3 Millionen (bis 1949)
Flüchtlinge aus der DDR in die Bundesrepublik bis zur endgültigen Grenzschließung (Mauerbau) im Jahr 1961: 2,8 Millionen DDR-Bürger, darunter etwa 800.000 Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten.
etwa 20% der Menschen in der DDR waren 1961 Flüchtlinge und Vertriebene
2. Flüchtlinge und Vertriebene in der DDR: "Umsiedler"?
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Urheber: Beschwerde über die schlechte Behandlung einer sogenannten Neubürgerfamilie (Flüchtlinge) im Jahr 1950, aus: Kreisarchiv Hildburghausen, Gemeinde Heckengereuth, 2026/9, Bevölkerung, Evakuierte, Wohnverwaltung, 1948–53, unpag.
PD
Propaganda der SED zur Vereinnahmung von Flüchtlingen und Vertriebenen
Beschwerde des Kreiswohnungsamts Hildburghausen in Thüringen an den Gemeinderat des Ortes Heckengereuth wegen der schlechten Behandlung einer "Neubürgerfamilie" durch einen eingesessenen Landwirt auf dessen Hof.
Etwa vier Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus dem ehemaligen deutschen Osten befanden sich auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR. Über Flucht und Vertreibung durften sie aber nicht öffentlich sprechen. Sie wurden auch nicht als Flüchtlinge und Vertriebene bezeichnet, sondern verharmlosend als "Umsiedler".
Im Rahmen der Möglichkeiten bekamen sie Hilfe von örtlichen Behörden, etwa bei der Suche nach Wohnraum. Bei der 1946 beginnenden Bodenreform wurden sie berücksichtigt, bekamen oft ein Stück Land zugewiesen und sollten sich damit eine neue Existenz aufbauen.
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Material: Wer sind "Umsiedler"?
Eine Definition des SED-Politikers Paul Merker (1947)
Umsiedler sind "diejenigen Personen, die auf Grund internationaler Beschlüsse als Deutsche ihren Heimatort verlassen mußten, sofern sich dieser außerhalb der jetzigen deutschen Grenzen befindet und sie als Umsiedler in das Gebiet der jetzigen deutschen Besatzungszonen aufgenommen wurden."
internationaler Beschlüsse: Gemeint sind hier die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz der alliierten Siegermächte von 1945.
Plakat der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands (DBD) aus dem Jahr 1949, das auch die Leistungen für die "Umsiedler" erwähnt. Die wurde von den Machthabern der sowjetisch besetzten Zone aus SED und sowjetischer Militärverwaltung in ihrem Sinne gelenkt und beeinflusst.
Wahlplakat der CDU in der sowjetisch besetzten Zone, das sich an die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen richtete, die verharmlosend "Umsiedler" genannt wurden
Die politische Führung der DDR betrachtete ihren Staat als einen Neuanfang in der deutschen Geschichte: ein friedlicher und humanistischer Staat. Und für diesen Staat sollte es keine Rolle spielen, wo jemand herkam. Alle Menschen in Deutschland waren, so die Ideologie der DDR-Staatspartei SED, durch die Hölle des Krieges und des Nationalsozialismus gegangen, hatten viel verloren, waren geflohen, durch Bombenangriffe vertrieben, in Gefangenschaft geraten, hatten Angehörige verloren oder waren aus unterschiedlichsten Gründen ausquartiert worden. Und nun sollten Menschen mit diesen Erfahrungen auf dem Gebiet der DDR etwas Neues aufbauen. Das Leid der Umsiedler ging damit gewissermaßen im Leid aller auf. Es sollte nicht gesondert erwähnt werden. In ihre Propaganda spannte die SED auch die anderen von ihr beeinflussten Parteien in der sowjetisch besetzten Zone und später in der DDR ein.
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Hinter dieser Ideologie stand aber auch das Verbot jeglicher Kritik an der Sowjetunion oder den sogenannten "sozialistischen Bruderländern". Die Verbrechen an den Zivilisten, die während Flucht und Vertreibung geschehen waren, sollten auf keinen Fall öffentlich erwähnt oder diskutiert werden. Zum Beispiel sollte und durfte damit über die Vertreibungen aus der Tschechoslowakei auf der Grundlage der Dekrete, die der tschechoslowakische Ministerpräsident Edvard Beneš erlassen hatte, und das Leid, das damit für viele Menschen verbunden war, nicht gesprochen werden.
Mitte der 1950er Jahre behauptete die DDR, die Integration der Flüchtlinge in den Staat sei nun abgeschlossen. Damit konnte es nun offiziell auch keinen Grund mehr geben, über das Geschehen der Jahre 1944/45 im deutschen Osten zu sprechen.
Bei einer sogenannten Volksbefragung in der DDR gegen die Remilitarisierung Deutschlands wurde der Heimatvertriebene Ernst Frieel von einem Reporter des DDR-Rundfunks in Halle/Saale am 3. Juni 1951 interviewt. Er sagte: "1946 wurde ich mit meiner Familie aus Marienbad (CSR) evakuiert und fand in Halle eine neue Heimat. Es war für mich eine Verpflichtung, bereits um 8 Uhr meine Stimme gegen die Remilitarisierung abzugeben."
Aufnahme einer Familie, die aus dem Sudetengebiet stammte. Im sächsischen Riesa hatte sie eine neue Unterkunft bekommen und begann, sich eine neue Existenz aufzubauen. Das Bild ist problematisch. Siehst du, warum?
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Material: Hinweis zum linken Bild in Element 8
Propaganda mit Bildern in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR
Das Bild ist Teil einer Propaganda-Aktion der DDR, die sich gegen die Bundesrepublik und die westlichen Alliierten richtete. Denen warf die DDR-Führung vor, Deutschland remilitarisieren zu wollen. Volksbefragungen und Volksabstimmungen waren in der DDR grundsätzlich nicht fair und frei. Die Ergebnisse wurden immer gefälscht. Das Bild und die Aussage des Vertriebenen zeigen, wie Flucht, Vertreibung und Heimatverlust von der SED in der DDR politisch instrumentalisiert wurden.
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Material: Hinweis zum rechten Bild in Element 8
Propaganda mit Bildern in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR
Das Bild ist von einem Fotografen für die DDR-Nachrichtenagentur Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst (ADN) gemacht worden.
Der Fotograf war der professionelle Fotojournalist Horst Siegert.
Das Bild stammt vom 2. Januar 1957.
Es bekam den Titel: "Riesa, Umsiedler aus der CSR"
Die Beschreibung des Bildes lautet: "Umsiedler aus der CSR fand neue Heimat in der DDR Ganz im Gegensatz zur Adenauer-Regierung, wo gewissenlose Politiker alles daransetzen, das Lebensniveau der Umsiedler so tief wie möglich zu halten, um sie für ihre Revanchepolitik missbrauchen zu können, ist die Regierung der DDR ständig bemüht, diesen Menschen eine neue Heimat zu geben. Der jetzt 28jährige Erhard Schmidt siedelte vor einigen Jahren aus der CSR in die DDR über und arbeitete in der Landwirtschaft. 1950 begann er seine Arbeit als Richthelfer im Stahl- und Walzwerk Riesa und legte später seine Prüfung ab als Profilwalzer. Dieses Ziel konnte er durch den Besuch der Betriebsvolkshochschule erreichen. Durch gute Arbeit und seine Zuverlässigkeit wurde er dann als Betriebskontrolleur eingesetzt. Für mehrere Verbesserungsvorschläge, die er einbrachte, wurde er bereits 2 mal als Aktivist ausgezeichnet. So fand der ehemalige Umsiedler, der mit seiner Familie heute ein Haus der Arbeiterwohnungsbau-Genossenschaft mit Garten bewohnt, eine neue Heimat und eine gesicherte Existenz in der Deutschen Demokratischen Republik."
Die Bildunterschrift lautete: "Abends hilft Eduard Schmidt oftmals noch seiner Tochter Elvira bei den Hausaufgaben."
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Aufgabe
Auseinandersetzung mit Propaganda
1Sieh dir eines der Bilder in Element 8 genau an und arbeite die Informationen der Bildunterschrift und des dazugehörigen Kastens durch.
2Erläutere, aus welchen Gründen das Bild Teil einer Propaganda-Kampagne der DDR-Führung war.
3Finde Gründe dafür, weshalb Flüchtlinge und Heimatvertriebene in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in der sowjetisch besetzten Zone und der der DDR für Propaganda missbraucht wurden.
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Quelle: Die Historikerin Heike Amos über die Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen in der DDR
Soziale Unterstützung und Schweigen über das Geschehene
In den Nachkriegsjahren bis 1952 bestand die DDR-Vertriebenenpolitik zunächst aus sozialpolitisch-integrativen Maßnahmen wie der Bereitstellung von Wohnraum, Hausrat, der Beschaffung von Arbeit, finanziellen Zuwendungen, Zahlungen von minimalen Renten für Alte und Kranke – alles mit dem Ziel, diese Menschen schnell wirtschaftlich, beruflich und sozial zu integrieren. Die Ost-Berliner Regierung erklärte 1952 die »Integration der Umsiedler« für abgeschlossen, was jedoch nicht der tatsächlichen Lage vieler Betroffener entsprach. Trotzdem wurde das Vertriebenenproblem in der kontrollierten Öffentlichkeit der DDR nicht mehr thematisiert.
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Merkkasten: Organisationsverbot und Überwachung durch die Staatssicherheit
Von Ausflugslokalen und Zoobesuchen
Die Staatssicherheit der DDR überwachte auch die Flüchtlinge und Vertriebenen. Sie interessierte sich für die regionale Verteilung von Flüchtlingen, deren (eventuelle) Bemühungen, sich zu treffen und zu organisieren, ihre Kontakte in die Bundesrepublik und (öffentlich) geäußerte Meinungen zur Abtrennung der Ostgebiete sowie die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze durch die DDR gegenüber Polen.
Die Staatssicherheit unterhielt einige tausend Spitzel unter Flüchtlingen und Vertriebenen. Nur selten griff der Staat aber gewaltsam ein. Der Geheimdienst beließ es meistens bei Beobachtungen und Informationsbeschaffung. Solange keine revanchistischen Äußerungen getätigt oder Zusammenkünfte organisiert wurden, bedrängte oder unterdrückte man Flüchtlinge und Vertriebene nicht noch zusätzlich.
Es war den Flüchtlingen und Vertriebenen nicht erlaubt, Vereine zu gründen, um ihre Interessen wahrzunehmen oder Veranstaltungen zu organisieren. Daher trafen sie sich mitunter im kleineren Verwandten- oder Bekanntenkreis. Dabei gingen Persönliches sowie der Austausch über die alte Heimat ineinander über. Nur selten gab es größere Zusammenkünfte von Vertriebenen. Beispielsweise die inoffiziellen und heimlich organisierten Treffen in den Zoologischen Gärten von Halle und Leipzig, die bis in die 1980er Jahre stattfanden. Mitunter kamen dabei mehrere hundert Menschen zusammen. Ähnliche Treffen gab es auch andernorts, in Ausflugslokalen oder in privaten Räumlichkeiten. Weil die SED dadurch ihre Macht bedroht sah, konnten solche Treffen durchaus zu Polizeieinsätzen und Verhaftungen führen.
3. Zwischen Aufnahme und Ablehnung: Heimatvertriebene in Ost und West
Rückkehr in die alte Heimat und Leben ausschließlich in der 'neuen Heimat': Unterschiede zwischen Bundesrepublik und DDR
Wohnraumbeschaffung für "Umsiedler" in der DDR: Der aus den Sudetengebieten stammende Erhard Schmidt und seine Familie vor einem Genossenschaftshaus im sächsischen Riesa. Schmidt arbeitete zunächst in der Landwirtschaft und dann im Stahl- und Walzwerk Riesa. In der Genossenschaftssiedlung konnte die Familie eine Wohnung beziehen.
In den Westzonen und später in der Bundesrepublik wurden die Heimatvertriebenen aufgenommen und integriert. Dies geschah gleichwohl mit der Annahme, dass sie eines Tages vielleicht doch in ihre Heimat zurückkehren könnten. In der sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR hingegen wurden Gedanken an eine spätere Rückkehr ausgeschlossen und unterdrückt. Die 'Übersiedlung' wurde als endgültig angesehen. Heimat konnte nur noch das Gebiet sein, in der die Heimatvertriebenen jetzt lebten. Vielleicht gerade deshalb waren in vielen Familien die Gespräche und Erinnerungen an das Verlorene sehr intensiv: Es konnte nur in Familien offen gesprochen werden. Wer sich jedoch in der DDR öffentlich gegen die Zwangsassimilation wandte, musste mit harten Bestrafungen rechnen.
In der DDR sollten die Menschen integriert werden, indem sie sich am Aufbau beteiligten, und ansonsten die Politik der Freundschaft gegenüber allen Ländern in Ostmittel- und Osteuropa unterstützten. Es musste jedoch eine Freundschaft ohne Fragen, eine stumme Freundschaft sein.
Sozialpolitischer Umgang mit Heimatvertriebenen in der DDR
Schloss Milkel in der Oberlausitz: Das zuvor enteignete Schloss wurde von 1945-1947 von schlesischen Umsiedlern bewohnt.
Ungefähr 20% der Bevölkerung der DDR waren Flüchtlinge und Heimatvertriebene. Sie sollten eine neue Existenzgrundlage erhalten und sozialpolitisch integriert werden. Daher wurde ihnen Wohnraum und neuer Hausrat zur Verfügung gestellt. Sie wurden sofort ins Arbeitsleben einbezogen, bekamen auch finanzielle Zuwendungen. Ältere Menschen bekamen minimale Renten. Die Abgabenormen für Bauern wurden im Falle von Heimatvertriebenen, die noch keine funktionierenden Landwirtschaftsbetriebe aufgebaut hatten, in den ersten Jahren niedriger angesetzt.
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Quelle: Wohnraum für 'Umsiedler' in der DDR und Abwanderung in den Westen
Bedrängte Verhältnisse und Abwanderung
In Mecklenburg hatten Flüchtlinge und Vertriebene im Jahr 1953 durchschnittlich 3,9 m2 Wohnfläche zur Verfügung. Einheimische hingegen verfügten zu dieser Zeit über 10,7 m2. Schwierig war auch die Eingliederung unterschiedlicher sozialer Schichten, z.B. von Menschen aus städtischen und landwirtschaftlichen Lebensverhältnissen und Berufen. Viele von diesen wanderten in den Jahren nach der Flucht in die westlichen Besatzungszonen und die spätere Bundesrepublik ab. Im Verhältnis zu anderen Abwanderern und Flüchtlingen aus der DDR in die Bundesrepublik waren die Heimatvertriebenen die größte Gruppe.
Revision der Grenzen oder nicht?
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In Westdeutschland wurde also über lange Zeit eine Revision der Nachkriegsgrenzen, die von vielen Vertriebenen und deren Organisationen als vorläufig angesehen wurden, zumindest für möglich gehalten. Dies sollte mit friedlichen Mitteln erfolgen und das zentrale Argument war, dass mit Deutschland ein Friedensvertrag oder eine andere rechtliche Regelung, die den Zweiten Weltkrieg offiziell beendete, noch geschlossen werden musste. Das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937 war für viele Heimatvertriebenen dabei der rechtliche Bezugsrahmen – also das Deutschland vor dem Beginn der Eroberungen durch das Naziregime.
In der DDR verurteilte man diesen Revisionismus, unterstellte ihm, sich aggressiv gegen die Länder Osteuropas zu wenden. Mit diesen Ländern war die DDR in einem Bündnis und musste sich schon deshalb gegen die Heimatvertriebenen im Westen stellen.
Keine Selbstorganisation der Heimatvertriebenen in der DDR
Deutsch-polnischer Grenzverlauf an Oder und Neiße, der durch die DDR 1950 anerkannt wurde
Im Jahr 1950 erkannte die DDR-Regierung die Oder-Neiße-Grenze als deutsch-polnischen Grenzverlauf an. Damit war auch auch unter die rechtliche Beurteilung der Vertreibungen aus Sicht der SED ein Strich gezogen: Sie waren erfolgt und wurden jetzt akzeptiert. Schon deshalb entfiel aber aus Sicht der SED jede Notwendigkeit, eine Vertriebenen-Organisation zu dulden, die eigene (politische) Forderungen gestellt hätte. Daher galt nun die Inbesitznahme der ehemaligen deutschen Ostgebiete durch Polen als Durchsetzung uralter historischer Rechte und als berechtigte Rückgängigmachung des deutschen Expansionsdrangs nach Osten.
Die Kirchen in der DRR und die Integration der Heimatvertriebenen
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Die gerade in den 1950er Jahren durch das SED-Regime unter großen Druck gesetzten Kirchen in der DDR spielten dennoch eine wichtige Rolle bei der Integration der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen in der DDR. Schwierig war die Situation der Katholiken. Sie kamen in ein Gebiet, das fast ausschließlich protestantisch geprägt war. Zum ersten Mal seit der Reformation wuchs damit die Zahl der Katholiken auf dem Gebiet der DDR stark an. In den Kirchen wurden, wenn auch nicht sehr offen, die Erinnerungen an die verlorene Heimat gepflegt.
4. Wie sich Flüchtlinge und Heimatvertrieben in der DDR eine Existenz aufbauten
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Auch in der sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR musste das Leben nach dem Krieg unter den nun einmal bestehenden Bedingungen weitergehen. Viele Heimatvertriebene versuchten auch in der DDR, sich eine neue Existenz zu schaffen, sich anzupassen und ein erfolgreiches (neues) Leben zu gestalten.
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Urheber: Wilhelm Biscan, Bundesarchiv, Bild 183-08892-0002
Der Mann auf dem Bild ist Josef Ringel. Er stammte aus dem Sudetengebiet und lebte nach dem Verlust seiner Heimat in Großottersleben (Börde). Er arbeitete als Obstgärtner. Das Bild zeigt ihn mit Kolleginnen bei Pflanzung natürlicher Windschutzgürtel aus Bäumen und Sträuchern, um gegen die Bodenerosion und die zunehmende Trockenheit in der Gegend etwas zu unternehmen.
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Galerie: Wie sah die Berufskarriere von Menschen in der DDR aus, die aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten stammten? Ein Beispiel
Ruth Engelhardt (1913-2000) stammte aus Dyhernfurth (heute Brzeg Dolny) in Niederschlesien. Schon vor dem Krieg war sie mit ihrem Mann nach Thüringen gegangen. Ihre gesamte Familie in Schlesien musste 1945 fliehen. Sie selbst verlor ihren Mann im Krieg und stand nach Kriegsende mit zwei kleinen Kindern und dem Rest der geflüchteten Familie allein da. Einen Beruf hatte sie nicht gelernt und bis Kriegsende als Hausfrau gelebt. Zunächst machte sie Hilfsarbeiten, u.a. als Näherin. Später bewarb sie sich als Hilfsschwester im Krankenhaus Altenburg. Auf diese Arbeitsphase bezieht sich die Beurteilung im Bild.
Brief eines Kriegskameraden, der über den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes in München vermittelt wurde an Ruth Engelhardt. Daraus erfuhr sie im Jahr 1949 zum ersten Mal, dass ihr Mann in Gefangenschaft umgekommen war.
Ruth Engelhardt machte eine Schwesternausbildung und später die Weiterbildung zur Oberschwester. Sie wechselte in die pflegerische Leitung größerer medizinischer Einrichtungen. Die Urkunde zeichnet sie für ihre Leistungen in der Betriebspoliklinik eines großen Bergbauunternehmens in Sachsen (Regis-Breitingen) aus.
Das Pflegepersonal in der Betriebspoliklinik Regis-Breitingen, der Ruth Engelhardt in den sechziger und zu Beginn der siebziger Jahre vorstand.
Abschluss eines erfolgreichen Berufslebens: Ruth Engelhardt wird als hochgeachtete Oberschwester in den Ruhestand verabschiedet.
5. Flucht und Vertreibung – ein Thema in Gesellschaft und Kultur?
Der Star des DDR-Radrennsports Klaus Ampler (1940-2016) stammte aus Marienburg und floh als kleiner Junge mit der Familie vor der Roten Armee, zuerst nach Kolberg und später nach Rostock. Wie viele Menschen in der DDR das wohl wussten?
Heimatvertriebene gab es in der DDR-Gesellschaft in allen Bereichen – in der Wirtschaft, aber auch in Kunst und Kultur, Wissenschaft und Bildung, Politik und Sport. Obwohl vertiefende und vor allem nicht von der SED bestimmte Thematisierungen von Flucht und Vertreibung in der Kunst, in öffentlichen Debatten oder durch wissenschaftliche Tagungen nicht denkbar waren, war das Thema doch auch Teil des Lebens. Es ging ja gar nicht anders, bei Millionen Heimatvertriebenen auf dem Gebiet der DDR.
Reine Sachverhaltsbeschreibungen der Flucht und des Leids waren zum Beispiel in der Literatur vorhanden. Meistens wurde dann aber noch Folgendes schnell hinzugefügt: die Schuld der Deutschen am Krieg und die große Hoffnung und Erlösung, die der Sozialismus nach dem Krieg für die Menschen im Osten bedeutet habe.
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Quelle: DDR-Schriftstellerin Margarete Neumann (1917-2002) über die Kinder und das Leid während der Flucht
"Es muss ihn sehr erschüttert haben."
Mit zehn Jahren ist dieser Joachim Bauer Ernährer gewesen, und die Familie war groß, der Vater noch nicht zurück aus dem Krieg. Eine ostpreußische Bauernfamilie. Je mehr Kinder, umso mehr Arbeitskräfte. Aber sie waren matt und krank geworden auf dem Treck, Typhus aus den Baracken. Besonders die Mutter war sehr schwach. Sechs Kinder und Joachim ist nicht einmal der Älteste. [...] Dazu hatten sie noch so ein Würmchen aufgenommen, unterwegs, das irgend jemandem verloren gegangen war, die kleine Anneliese. Sie haben sie, als der Frühling kam, jeden Tag in diese Sonne getragen. Sie ist ihnen aber doch gestorben, trotz aller Mühe und obwohl sie jedes bisschen Milch, das sie auftreiben konnten, ihr gaben. [...] Schnee, den der Wind treibt. Sie sitzen eng gedrängt auf dem Wagen, Topf und Eimer klappern an der Seite. Die Mutter hat den Kleinsten auf dem Schoß, er weint immerfort, und sie reibt ihm Hände, Füße und Gesicht. Schnee, Wind, Schnee. Wagen vor ihnen und hinter ihnen. Sie wissen nicht einmal, wohin.
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Quelle: DDR-Schriftstellerin Christa Wolf (1929-2011) über den Umgang mit Flucht und Vertreibung in der DDR
Umsiedlung? Flucht? Heimweh? Trauer? Aus dem Roman "Kindheitsmuster"
"'Die Flucht' zum Beispiel – wenig beschrieben. Warum? […] Weil dem Gegenstand etwas Heikles anhängt? Allein das Wort […] Es verschwand später. Aus Flüchtlingen wurden Umsiedler – ein Ausdruck, der zu Recht aus den polnischen und tschechischen Gebieten Ausgesiedelten bezeichnet, die nicht geflohen waren. Nelly aber und ihre Verwandten näherten sich fluchtartig Schwerin – nannten sich noch Jahre nach dem Krieg 'Flüchtling' – und glaubten zu wissen, wovor sie flohen. Bloß dem Russen nicht in die Hände fallen […]."
Hinweis: Die Schriftstellerin Christa Wolf war in der DDR und in der gesamten deutschen Literatur nach 1945 sehr bekannt. Sie war eine Anhängerin des Sozialismus, auch Mitglied der herrschenden Staatspartei SED, mit der sie trotzdem immer wieder stritt. In ihrem Buch "Kindheitsmuster" von 1976 thematisiert sie auch das Flucht- und Vertreibungsgeschehen am Ende des Zweiten Weltkriegs. Sie hinterfragte auch die starren Sprachregeln der DDR, in der nur von 'Umsiedlern' gesprochen werden durfte. Christa Wolf war selbst auch heimatvertrieben. Sie stammte aus Landsberg an der Warthe (heute: Gorzów Wielkopolski, Woiwodschaft Lebus) und musste 1945 mit der Familie vor der heranrückenden Roten Armee fliehen. Zuerst kam sie nach Mecklenburg und lebte später in Berlin.
Quelle: DDR-Schriftstellerin Ursula Höntsch-Harendt (1934-2000) über Flucht und Vertreibung
Aus dem Roman "Wir Flüchtlingskinder" (1985)
Hinweis: Ursula Höntsch-Harendt stammte aus Frankenstein in Niederschlesien. Zu Anfang ihres Buches "Wir Flüchtlingskinder" stehen folgende Sätze:
Die Geschichte, die hier erzählt werden soll, ist die Geschichte der Familie Hönow aus dem Schlesischen. Sie trug sich zu während der Völkerwanderung unseres Jahrhunderts, als über zehn Millionen Menschen auf der Suche waren nach einer neuen Heimat, westlich von Oder und Neiße. Vierzig Jahre ist das her! Was damals geschah und damals schmerzte, ist überwunden, aber nicht vergessen.
Der spätere letzte SED-Generalsekretär und Staatschef der DDR Egon Krenz (1974): ein Flüchtlingskind
Hast du gewusst, dass Egon Krenz (*1937) der letzte SED-Generalsekretär in der DDR, ein Flüchtling war? Er stammte aus Kolberg in Pommern und floh mit seiner Mutter 1944 nach Westen. Seinen Vater hat er nicht wiedergesehen, denn er fiel im Zweiten Weltkrieg. Die Familie kam bis nach Damgarten in Vorpommern, das nach Kriegsende zur sowjetischen Besatzungszone und später zur DDR gehörte.
Dieter Birr, der Frontmann der Puhdys: als Baby auf der Flucht 1945 fast verloren gegangen
Dieter Birr, "Maschine", der bekannte Frontmann der Rockband Puhdys war ein Flüchtlingskind. Geboren wurde er 1944 in Köslin (Pommern). Im Februar 1945 ging er mit seiner Mutter auf die Flucht. Sie schlossen sich einem Treck an, der nach Westen, Richtung Stettin zog. Sowjetische Truppen holten den Flüchtlingszug ein. Seine Mutter hielt den kleinen Jungen ganz fest, wurde aber von sowjetischen Soldaten aus der Menge gezerrt und mehrfach vergewaltigt. Ihr Kind konnte sie vorher gerade noch einer anderen Frau in die Arme drücken. Nach der Vergewaltigung rannte sie dem Treck hinterher und fand wie durch ein Wunder die Frau wieder, die ihr Baby noch immer im Arm trug.
Als Kind war Dieter Birr eher zurückgezogen und angsterfüllt. Wahrscheinlich half ihm die Rockmusik, zu sich selbst zu finden.
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Aufgabe
Recherche
1Suche in deiner Stadt oder deinem Dorf nach Personen, die öffentlich bekannt waren, aber von denen keiner oder nur wenige Menschen wussten, dass sie heimatvertrieben waren.
2Wähle eine dieser Personen aus und trage Informationen über deren Leben zusammen.
3Verfasse eine kurze Biografie über diese Person.
Zusammenfassung: Das Thema Flucht und Heimatvertriebene in der DDR