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1.3 Moderne Massengesellschaft: Mensch als Masse

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Urheber: JohannesW

https://pixabay.com/photos/crowd-stairs-city-life-escalator-533376/

Pixabay.com - Lizenz

Menschenmengen ‚Äst jeden Tag und √ľberall

1.3 Moderne Massengesellschaft: Mensch als Masse

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Heute ist oft die Rede davon, dass wir in einer modernen Massengesellschaft leben. Meistens wird gar nicht so genau erkl√§rt, was damit eigentlich gemeint ist. Und da wir ja eigentlich nur die Gesellschaft kennen, in der wir leben, ist es f√ľr uns nicht leicht zu erkennen, was das Besondere an einer Massengesellschaft ist. Das wird leichter, wenn wir uns ansehen, wie unsere heutige Gesellschaft zu dem wurde, was sie ist. Das geschah vor allem im¬†19. Jahrhundert und hat das Leben der Menschen damals radikal ver√§ndert.

1. Die Industrielle Revolution ‚Äď Grundlage der Massengesellschaft

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Du hast bestimmt schon etwas von Industrialisierung oder Industrieller Revolution gehört. Während der industriellen Revolution veränderten sich die Arbeits- und Lebensumstände. Bereits zuvor hatten wissenschaftliche Entdeckungen und politische Reformen die Lebensumstände verbessert, die Kindersterblichkeit gesenkt und die Lebenserwartung verlängert. Damit war die Bevölkerung gewachsen. 

Eine weitere wichtige Voraussetzung: Die Bauern waren zunehmend von ihren feudalen Abh√§ngigkeiten befreit worden. Sie konnten das von ihnen bewirtschaftete Land nun theoretisch selbst erwerben. Viele Bauern aber waren viel zu arm, um einen Bauernhof zu kaufen. Sie gingen daher auf der Suche nach Arbeit in die immer schneller wachsenden St√§dte. Dort suchten sie nach Einkommens- und Lebenschancen. Die schlecht bezahlte Arbeit in den neu entstehenden Fabriken war h√§ufig ihre einzige Chance. Zudem wurde es f√ľr reiche Unternehmer immer einfacher, Fabriken zu gr√ľnden. Staatliche Reformen wie die Einf√ľhrung der Gewerbefreiheit erlaubten es Unternehmern, unabh√§ngig von den Z√ľnften und ihren Ordnungen, Betriebe zu errichten und auf eigene Verantwortung hin Waren zu produzieren.¬†Die Kombination aus vielen billigen Arbeitskr√§ften und neuen Freiheiten erschuf einen g√§nzlich neuen Typ Arbeitsplatz: die Fabrik.

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Borsig's Maschinenbau-Anstalt zu Berlin in der Chausseestraße
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Urheber: Karl Eduard Biermann

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Maschinenbau-Anstalt_Borsig,_Berlin_Chausseestra%C3%9Fe,_1847,_Karl_Eduard_Biermann.jpg

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Borsig's Maschinenbau-Anstalt zu Berlin in der Chausseestraße, Gemälde von 1847

2. Die Fabrik: Eine neue Produktionsweise setzt sich durch

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Wie die Fabrik die Arbeitsbedingung der Menschen verändert hat, wird einem dann klar, wenn man sie mit den vorindustriellen Arbeitsbedingungen vergleicht.

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Vorindustrielles Handwerk Industrielle Fertigung
Wie man Stoff webt | SWR Handwerkskunst
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https://www.youtube.com/watch?v=WhddnVu61Mg

Weben an einem Webstuhl
Webstuhl in Betrieb
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https://www.youtube.com/watch?v=7N03_lfz5G8

Eine Webmaschine in Betrieb.
Vorindustrielles Handwerk Industrielle Fertigung
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Aufgabe

Webstuhl und Webmaschine

  1. Sieh dir die Bilder und die Videos oben an. Vergleiche die Webmaschine mit dem Webstuhl. Finde Gemeinsamkeiten und Unterschiede.
  2. In einer Fabrikhalle standen oft √ľber 30 Webmaschinen, Arbeitsschichten dauerten meist 12 bis 14 Stunden. Beschreibe die Ver√§nderung, die der Schritt vom handwerklichen Arbeiten zu Hause zur Fabrikarbeit f√ľr die Menschen bedeutete. Gehe dabei auf Arbeitsabl√§ufe und Sinneseindr√ľcke ein.
Alter Handwebstuhl
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Urheber: Wikiolo

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Walsermuseum_Triesenberg,_Webstuhl_(223).jpg

Cc3BYSA
Ein Webstuhl in einem Heimatmuseum. Hier konnte ein Weber aus Faden Stoff herstellen.
Webmaschinen in einer Fabrikhalle
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Urheber: SulzerAG

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Webmaschine_1959.jpg

Cc3BYSA
Fabrikhalle mit Webmaschinen zur industriellen Stoff-Fertigung
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Das Aufkommen der Fabrik als neuer Ort der Arbeit ver√§nderte die Art und Weise der Produktion radikal und nachhaltig. Der einzelne Arbeiter (und nicht zu vergessen: auch die einzelne Arbeiterin!) war in der Fabrik eingebunden in eine immer komplexer werdende Organisation von Arbeit. Die hergestellten Produkte waren nicht mehr das Werk eines einzelnen, jeder einzelne Arbeitsschritt vom Rohstoff zum fertigen Produkt war klein. Es wurden auch keine Einzelst√ľcke mehr hergestellt. Vielmehr wurde MASSENweise produziert.

Aber allein in der Fabrik entstand noch keine Massengesellschaft.

3. Die Fabrik verändert das Leben

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Mit der Industriellen Revolution entstand eine neue Gruppe von Menschen: die Fabrikarbeiter. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatte es noch √ľberhaupt keine Fabrikarbeiter gegeben. Am¬†Ende des 19. Jahrhunderts waren sie in L√§ndern wie Frankreich, England oder Deutschland die gr√∂√üte Bev√∂lkerungsgruppe. Aus Bauern, Landarbeitern und Handwerkern waren Arbeiter geworden. Dabei hatte sich ihr Leben radikal ver√§ndert.¬†

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Aufgabe

Land und Stadt

  1. Beschreibe die Veränderungen, die in den beiden Grafiken oben dargestellt werden. Gehe dabei auf Bildhintergrund und - vordergrund ein.
  2. Vermute, welche Personen auf den beiden Grafiken dargestellt werden und in welchem Verhältnis sie zueinander stehen.
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Video

Die Soziale Frage

Was war die
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https://www.youtube.com/watch?v=O875yPaT4WI

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Bild einer Magd, Stich gegen 1700
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Urheber: wohl Caspar Luyken

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Magd_Monatsblatt_luyken.png

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In der vorindustriellen Welt wurde ein erheblicher Teil der landwirtschaftlichen Arbeit von M√§gden und Knechten erledigt. Dieses sogenannte 'Gesinde' lebte mit den Bauersfamilien, f√ľr die sie arbeiteten, zusammen und waren in gewissem Rahmen Teil der Familie.

Foto von Ansel Adams aus dem Jahr 1943
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Urheber: Ansel Adams

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ansel_Adams_-_Farm_workers_and_Mt._Williamson.jpg

PD

Mit der Industrialisierung √§nderten sich die Arbeitsverh√§ltnisse auf dem Land. Das Gesinde zog oft zum Arbeiten in die St√§dte, die Bauernfamilien heuerten an ihrer statt Land- und Wanderarbeiter an. Diese arbeiteten vertraglich f√ľr einen gewissen Zeitraum f√ľr die Bauern und lebten in eigenen Unterk√ľnften.

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Quelle

Heinrich Heine: Die schlesischen Weber

Im d√ľstern Auge keine Thr√§ne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben Dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch ‚Äď
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöthen;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns ge√§fft und gefoppt und genarrt ‚Äď
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpreßt,
Und uns wie Hunde erschie√üen l√§√üt ‚Äď
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume fr√ľh geknickt,
Wo F√§ulni√ü und Moder den Wurm erquickt ‚Äď
Wir weben, wir weben!

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht ‚Äď
Altdeutschland, wir weben Dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch,
Wir weben, wir weben!

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© Dominic Possoch

Arrc
The Silesian Weavers
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Urheber: Karl H√ľbner

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_schlesischen_Weber_(Gem%C3%A4lde)#/media/Datei:Carl_Wilhelm_H%C3%BCbner_-_The_Silesian_Weavers_-_Google_Art_Project.jpg

PD

Die Schlesischen Weber ‚Äď Gem√§lde von Karl H√ľbner (1844)

Heinrich Heine, Die Schlesischen Weber, in: H. P√ľttmann (Hg.)¬†Album, Originalpoesien, Bremen/Br√ľssel 1846, S. 145 f.

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Einfach erklärt: Wie sich Wohnen verändert hat | Made in Germany
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https://www.youtube.com/watch?v=KnNlOciRdgA

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Aufgabe

Veränderte Lebensverhältnisse

  1. Beschreibe die Ver√§nderung, die die Industrielle Revolution f√ľr das Leben der Fabrikarbeiter mit sich brachte, in Stichpunkten. Nutze daf√ľr die beiden Grafiken, das Video 'Soziale Frage' und die Galerie 'von der Magd zur Landarbeiterin'.
  2. "Wenn das Leben der Fabrikarbeiter so schlecht war, warum wurden dann so viele Menschen Fabrikarbeiter?" Suche nach Antworten auf diese Frage, beziehe dich dabei auch auf das Gedicht 'Die schlesischen Weber' von Heinrich Heine.
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Die Industrielle Revolution f√ľhrte also zu ver√§nderten Lebensverh√§ltnissen und sozialen Problemen bei einem gro√üen Teil der Bev√∂lkerung.

Aber allein dadurch entstand noch keine Massengesellschaft.

4. Das Wachstum der Städte

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Die Industrielle Revolution brachte ein rasantes Wachstum der St√§dte mit sich. W√§hrend am Anfang des 19. Jahrhunderts noch √ľber 90% der Deutschen in Kleinst√§dten und D√∂rfern gelebt hatten, lebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts knapp die H√§lfte von ihnen in gr√∂√üeren St√§dten.¬†

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© Dilewe

Arrc

Das Diagramm zeigt das Wachstum einiger ausgewählter Städte zwischen 1861 und 1910.

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© Dilewe

Arrc

In der Tabelle findest Du die genauen Einwohnerzahlen der Städte in den einzelnen Jahren.

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Aufgabe

Welche Probleme verursacht das Städtewachstum?

Das St√§dtewachstum f√ľhrt zu vielen Problemen in den St√§dten. W√§hle aus, welche Probleme entstehen und ziehe die entsprechenden Stichpunkte auf die linke Seite. Alle Dinge, die keine problematische Folge des St√§dtewachstums sind, legst du rechts ab.

Das St√§dtewachstum f√ľhrt zu vielen Problemen in den St√§dten. W√§hle aus, welche Probleme entstehen und ziehe die entsprechenden Stichpunkte auf die linke Seite. Alle Dinge, die keine problematische Folge des St√§dtewachstums sind, legst du bitte rechts ab.
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Aufgabe

Die Entwicklung in deiner Stadt

Recherchiere die historische Entwicklung der Einwohnerzahl deiner Heimatstadt! Suche dazu im Internet oder nutze andere Quellen (B√ľcher, Stadtmuseum, Rathaus, ...). Welche Zahlen findest du? Findest du etwas √ľber die Gr√ľnde heraus, wieso die Einwohnerzahl zu bestimmten Zeiten gestiegen/gesunken ist?

Falls du in Frankfurt am Main wohnst: Recherchiere die Entwicklung der Einwohnerzahlen f√ľr deinen Stadtteil, denn die Zahlen f√ľr Frankfurt findest du ja schon in der Tabelle.

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Durch die Industrielle Revolution wuchsen also die Städte stark und schnell. 

Aber auch dadurch entstand noch keine Massengesellschaft.

5. Massenkommunikation

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Mit der Industriellen Revolution ging ein enormer technischer Fortschritt einher. Das betraf auch die M√∂glichkeiten der Kommunikation. Seinen Anfang nahm diese Entwicklung mit der stetigen Beschleunigung des Druckes. Das klingt nicht gerade sensationell, aber nur so wurde es technisch m√∂glich, f√ľr den rasant wachsenden Markt an Zeitungslesern in den St√§dten und auf dem Land ausreichend Zeitungen zu drucken. Durch die massenweise Verbreitung g√ľnstiger Druckerzeugnisse bestand in der zweiten H√§lfte des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal √ľberhaupt die M√∂glichkeit einer "Massenkommunikation". Das bedeutet, dass sehr viele Menschen sehr schnell mit Nachrichten erreicht werden konnten.
Seitdem ist die Entwicklung der Massenmedien und der zugrunde liegenden Maschinen weiter vorangeschritten.

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Urheber: Bubo

https://de.wikipedia.org/wiki/Stanhope-Presse#/media/Datei:Iserlohn-Druckpresse1-Bubo.JPG

Cc3BYSA

Diese Druckpresse wurde um 1800 erfunden und vollständig per Hand betrieben. Mit ihr konnten pro Stunde etwa 100 Blatt Papier bedruckt werden.

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Urheber: Clemens Pfeiffer

https://de.wikipedia.org/wiki/Rotationsdruck#/media/Datei:Zeitungsdruckmaschine_Deutsches_Museum.jpg

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Solche Rotationsdruckmaschinen kamen ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Gebrauch. Sie schafften es, mehr als 10.000 Blatt Zeitungspapier pro Stunde zu bedrucken.

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Urheber: Denis Apel

https://de.wikipedia.org/wiki/Zeigertelegraf#/media/Datei:Zeigertelegraf_Siemens_denis_apel_cc.jpg

Cc4BYSA

Ab 1848 baute die Firma Siemens solche Telegrafen, mit denen Informationen einfach und rasend schnell √ľber gro√üe Entfernungen √ľbermittelt werden konnten. Es begann der Aufbau eines weltweiten Telegrafie-Netzes.

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Urheber: Hannes Grobe

https://de.wikipedia.org/wiki/Erfindung_des_Radios#/media/Datei:Gloria-radio_hg.jpg

Cc3BYSA

In den 1920er Jahren begann der Siegeszug des Radios als Informationmedium und zur Unterhaltung.

Ein altrer Kinosaal
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Urheber: ArminEP

https://pixabay.com/de/photos/lost-places-sitzreihen-urbex-4682399/

PD

Mit den 1920er Jahren wurde auch das Kino als Massenmedium populär, zuerst als Stummfilm-Kino ohne Ton, ab den 1930er Jahren auch mit Tonspur.

Fernsehgerät HF 1der Marke Braun
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Urheber: Oliver Kurmis

https://de.wikipedia.org/wiki/Fernsehger%C3%A4t#/media/Datei:Braun_HF_1.jpg

PD

Nach dem 2. Weltkrieg begann die rasante Ausbreitung des Fernsehers in den privaten Haushalten. Nun kommt nicht nur Ton, sondern auch Bild in die Wohnzimmer.

Der erste Web-Server der Welt, ca. 1989 am CERN in Genf
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Urheber: Henry M√ľhlpfordt

https://de.wikipedia.org/wiki/Internet#/media/Datei:CERN_NEXT_Server_2010-07-01.jpg

Cc3BYSA

Ab ca. Mitte der 1990er Jahre wurde das Internet Schritt f√ľr Schritt zur vorherrschenden Medien-"Maschine". Der erste Server sah 1989 aber noch sehr bescheiden aus.

Smartphone mit Symbolen verschiedener sozialer Medien
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Urheber: geralt

https://pixabay.com/de/photos/handy-smartphone-klaviatur-app-1917737/

PD

Im letzten Jahrzehnt hat sich das Smartphone mehr und mehr zur vorherrschenden Maschine der Massenkommunikation entwickelt. Damit verbunden ist der Vormarsch der social networks, sogenannter sozialer Medien.

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Durch die Telegrafie und das gesteigerte Tempo der Druckpressen war es theoretisch schon im 19. Jahrhundert m√∂glich, sich weltweit fast zeitgleich √ľber alle Neuigkeiten zu informieren und miteinander zu kommunizieren. Es gab sogar erste globale Medienereignisse.

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Darstellung

Das erste globale Medienereignis: Der Ausbruch des Krakatau

Am 27. August 1883 bricht in S√ľdostasien der Vulkan Krakatau aus. Das ist erst einmal nichts Besonderes. Aber zwei Faktoren machen diesen Vulkanausbruch doch zum vielleicht ersten weltweiten Medienereignis.

Kein durchschnittlicher Vulkanausbruch

Der Ausbruch des Krakatau war weitaus heftiger als die allermeisten anderen Vulkanausbr√ľche. Die zwischen den indonesischen Inseln Sumatra und Java liegende Vulkaninsel wurde bei dem Ausbruch fast vollst√§ndig zerst√∂rt, durch die massive Eruption ist sie buchst√§blich explodiert. Mehr als 10.000 Atombomben w√§ren n√∂tig, um eine √§hnliche Sprengkraft zu erzeugen. Die letzte Eruption erzeugte einen Knall, der noch in mehr als 4800 Kilometern Entfernung zu h√∂ren war. Er gilt als das lauteste Ger√§usch, das je von einem menschlichen Ohr geh√∂rt wurde.
Hier bekommst Du einen Eindruck davon, wie sich der Ausbruch auch mehr als 100 Kilometer entfernt angehört hat:

Krakatoa Eruption Real Sound (1883)
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https://www.youtube.com/watch?v=v2pPRiUUnOg

Die gewaltige Explosion l√§sst den 800 Meter hohen Vulkan in sich zusammenfallen, riesige Mengen Gestein rutschen ins Meer und l√∂sen einen Tsunami aus. Die Flutwellen sind bis zu 40 Meter hoch und √ľberschemmen gro√üe Teile der n√§heren und entfernteren K√ľstenregionen. Schiffe werden bis zu 4 Kilometer landeinw√§rts gesp√ľlt, ganze D√∂rfer und St√§dte √ľberschwemmt. Mehr als 36.000 Menschen verlieren ihr Leben.

Kurz: Es ist eine echte Katastrophe f√ľr viele Menschen in S√ľdostasien.

Ein globales Ereignis

Der Knall des Vulkanausbruchs ist als Grollen noch in fast 5000 Kilometern Entfernung zu h√∂ren. Zudem hat er Einfluss auf das Wetter und die Gezeiten weltweit. Dank der wenige Jahre zuvor fertig gestellten weltumspannenden Telegrafenleitungen erfahren die Menschen schon kurz nach den Ereignissen vom Geschehen in S√ľdostasien. Das hilft nicht nur den Wissenschaftlern dabei, die von ihnen beobachteten Ph√§nomene (z.B. Druckschwankungen in der Luft) zu erkl√§ren. Es f√ľhrt auch dazu, dass Menschen in den USA, in Gro√übritannien, Deutschland und in anderen L√§ndern tagesaktuell dar√ľber informiert werden, was am anderen Ende der Welt geschieht.

Heute erscheint es uns selbstverst√§ndlich, dass wir live von jedem Ort der Welt aktuelle News bekommen. Vor 130 Jahren war das jedoch eine Sensation. Vor dem Aufbau des Telegrafen-Netzes dauerte es manchmal Wochen, um Nachrichten aus dem anderen Ende des Deutschen Reiches zu bekommen. Nun war die Welt - zumindest technisch - viel n√§her zusammenger√ľckt.

Wenn Du mehr √ľber den Ausbruch des Krakatau und seine Bedeutung erfahren m√∂chtest, kannst Du Dir das Radio-Feature des WDR anh√∂ren.

WDR 2 Der Stichtag: Explosion der Vulkaninsel Krakatau (am 27.08.1883)
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Urheber: WDR 2 Stichtag

https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag-explosion-vulkaninsel-krakatau-100.html

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Martin Schröder

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Von einigen wenigen Ausnahmen - wie dem Ausbruch des Krakatau - abgesehen, waren die Ereignisse, die in den neuen Massenmedien behandelt wurden, aber keine globalen Phänomene. Anders als zuvor ging es aber auch nicht mehr um lokale oder regionale Nachrichten. Stattdessen fanden Nachrichten und Neuigkeiten nun "national", also innerhalb der gesamten "Nation", Beachtung. Die nationale Berichterstattung begann. Sie umfasste nicht nur die wichtigsten Nachrichten aus Politik und Wirtschaft. Auch die nationale mediale Verbreitung und Diskussion von Skandalen und Affären trug dazu bei, einen gemeinsamen "nationalen" Kommunikationsraum auszubilden.

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Darstellung

Affären in den Medien 1: Die Kotze-Affäre

Das Jagdschloss Grunewald
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Urheber: Charlie1965nrw

https://de.wikipedia.org/wiki/Jagdschloss_Grunewald#/media/Datei:Jagdschloss_Grunewald_HDR.jpg

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Im Jagdschloss Grunewald nahm die Kotze-Affäre ihren Anfang.

Nach au√üen gab sich der deutsche Hochadel am Ende des 19. Jahrhunderts sehr tugendhaft. Doch ab 1891 wird das √∂ffentliche Bild vom Adel in der sogenannten Kotze-Aff√§re nachhaltig ersch√ľttert. Im Jagdschloss Grunewald, vor den Toren Berlins, treffen sich offenbar regelm√§√üig Angeh√∂rige des Adels zu rauschhaften Partys, auf denen nicht nur sehr viel getrunken wird, sondern es auch zu sexuellen Ausschweifungen kommt. Beteiligt sind auch Mitglieder der kaiserlichen Familie. Zahlreiche Teilnehmer und Teilnehmerinnen erhalten aber nach den Partys anonyme Briefe mit genauen Beschreibungen des Geschehens und zum Teil auch mit Zeichnungen und pornografischen Fotos. Der Verfasser dieser Briefe ist bis heute nicht bekannt, aber in der damaligen Zeit galt Leberecht von Kotze (daher der Name der Aff√§re), ein enger Vertrauter des Kaisers Wilhelm II., als Urheber.
Einige Jahrzehnte zuvor w√§ren die Geschehnisse vermutlich innerhalb der adligen Kreise gekl√§rt worden. Nun aber berichtet die Berliner Presse √ľber jedes kleine Detail. Um ihren Ruf wiederherzustellen verabreden sich einige Adlige zu Duellen. Die sind zwar eigentlich verboten, doch Tausende Schaulustige kommen an den Duellpl√§tzen zusammen, um dem adligen Spektakel beizuwohnen. Das Ansehen des Kaiserhauses und des gesamten Adels wurde durch die breite √∂ffentliche Wahrnehmung nachhaltig besch√§digt.

Martin Schröder

28

Darstellung

Affären in den Medien 2: Die Dreyfus-Affäre

Der Dreyfus-Prozess vor dem Kriegsgericht in Rennes vom 7. August bis 9. September 1899
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https://de.wikipedia.org/wiki/Dreyfus-Aff%C3%A4re#/media/Datei:Dreyfus-rennes2.jpg

PD

Alfred Dreyfus vor dem Kriegsgericht im französischen Rennes.

Die Dreyfus-Aff√§re war ein Justizskandal in Frankreich, der Politik und Gesellschaft tief spaltete und international f√ľr Aufregung sorgte. Im Jahr 1894 wurde der j√ľdische Offizier Alfred Dreyfus in Paris wegen angeblichen Verrats verurteilt. Er soll f√ľr das Deutsche Reich spioniert haben. Der Prozess ist jedoch eine Farce, Beweise werden unterschlagen und gef√§lscht. Die Verurteilung von Dreyfus ist kein Zeichen seiner Schuld, sondern dem weit verbreiteten Antisemitismus im franz√∂sischen Staat und Milit√§r geschuldet. Es entwickelt sich eine jahrelange √∂ffentliche Debatte √ľber Schuld und Unschuld von Dreyfus und √ľber Juden im Allgemeinen.
Im Zuge der Dreyfus-Aff√§re entstehen erste Boulevard-Zeitungen und einige explizit antisemitische Zeitungen werden gegr√ľndet, die schnell hohe Auflagen erreichen. Andere Zeitungen, wie Le Figaro, stellen sich auf die Seite von Dreyfus und versuchen, den Antisemitismus in der Presse und in der Bev√∂lkerung zu bek√§mpfen. In der von der Presse zus√§tzlich aufgeheizten Stimmung kommt es u.a. zu einem Attentat auf den Anwalt von Dreyfus und zu einem Putschversuch gegen die franz√∂sische Regierung durch Teile der Armee. Auch international wird √ľber die Aff√§re ausf√ľhrlich berichtet. Besonders in Italien und Deutschland entstehen √§hnliche antisemitische Debatten wie in Frankreich. Vor allem in Deutschland ist die Aff√§re auch ein Anlass, um sich √ľber die chaotischen Zust√§nde im Nachbarland lustig zu machen.

Martin Schröder

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Darstellung

Affären in den Medien 3: Die Zabern-Affäre

Militärpatrouille mit aufgepflanztem Seitengewehr in den Straßen von Zabern, Anfang Dezember 1913
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https://de.wikipedia.org/wiki/Zabern-Aff%C3%A4re#/media/Datei:Zabern_Milit%C3%A4rpatrouille.PNG

PD

Deutsche Soldaten patroullieren in den Straßen von Zabern, Anfang Dezember 1913.

Der Elsass geh√∂rt erst seit der Reichsgr√ľndung 1871 zum Deutschen Reich, zuvor stand er jahrhundertelang unter franz√∂sischer Herrschaft. Im Jahr 1913 ist G√ľnter Freiherr von Forstner als Leutnant der deutschen Armee im kleinen St√§dtchen Zabern im Elsass stationiert. Der Leutnant √§u√üert sich mehrfach sehr negativ √ľber die einheimische, els√§ssische Bev√∂lkerung und auch √ľber Franzosen. Unter anderem soll er mehrfach das Wort "Wackes" benutzt haben - ein sehr √ľbles Schimpfwort f√ľr Els√§sserinnen und Els√§sser. Au√üerdem lobt er eine Belohnung f√ľr seine Soldaten aus, f√ľr den Fall, dass sie "so einen Wackes √ľber den Haufen stechen".
Fr√ľher w√§re das alles eine lokale Angelegenheit geblieben. Doch nun berichtet die Presse zuerst im Elsass, dann in ganz Deutschland und auch in Fankreich ausf√ľhrlich √ľber den Fall. Die Berichterstattung f√ľhrt zu zahlreichen Protesten und Demonstrationen gegen den deutschen Militarismus und das arrogante Auftreten des deutschen Milit√§rs. Es kommt zu gro√üen Debatten im Reichstag und einer politischen Krise im Deutschen Reich.

Martin Schröder

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Geschichte der Massenmedien in Deutschland | alpha Lernen erklärt Geschichte
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https://www.youtube.com/watch?v=LDHXsWrV3fQ

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Aufgabe

Massenkommunikation damals

  1. Erkläre den Begriff 'Massenkommunikation' in eigenen Worten.
  2. Arbeite den Zusammenhang zwischen technischem Fortschritt und dem Aufkommen der Massenmedien heraus. Nutze daf√ľr u.a. die Galerie 'Medien und Maschinen' oben.
  3. Suche dir eine der Affären (27-29) oben aus. Erörtere die Frage, ob und wie die beschriebenen Ereignisse ohne Massenmedien eine Affäre/ein Skandal hätten werden können.
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Aufgabe

Massenkommunikation heute

"Durch die 'digitale Revolution' Anfang des 21. Jahrhunderts ver√§nderte sich die Nachrichtenkommunikation noch einmal grundlegend. Das Aufkommen der Massenmedien erm√∂glichte es jedem, Nachrichten zu erhalten. Um Nachrichten zu senden musste man aber immer noch eine Druckerei oder einen Radiosender besitzen. Mit dem Aufkommen von g√ľnstigen Computern/Smartphones, einem allgemeinen Zugang zum Internet und der Entwicklung von sozialen Medien wie Facebook oder Twitter, kann jetzt jeder Nachrichten produzieren und senden."

  1. Erörtere die oben aufgestellten Behauptungen.
  2. Bewerte die 'digitale Revolution' und ihren Effekt auf die Nachrichtenkommunikation. Hat sie die Kommunikation verbessert? Begr√ľnde dein Urteil.

6. Wie entwickelt sich diese Massengesellschaft? Was braucht sie? Wonach sehnt sie sich?

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Das Leben der Millionen Industriearbeiter und Angestellten war stark vom Kampf um die Verbesserung ihrer Lebensumstände bestimmt. Konsum und Ablenkung von der harten und langen Arbeit bekamen eine große Bedeutung. Medien und Unterhaltungsangebote wurden wichtiger. Die Bindungen vieler Menschen an die Religion begannen sich hingegen zu lockern. Die Sichtweisen und Werte der Menschen wurden immer weniger vom christlichen Glauben und der Hoffnung auf eine göttliche Rettung bestimmt. Doch woran glaubten die Menschen dann? Was erhofften sie sich?

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Der Glaube an die Nation ersetzte f√ľr viele Menschen zunehmend den Glauben an einen Gott. Man sagt auch, die Nation wurde zu einer Ersatzreligion. Warum das so war? Mit der¬†Nation wurden zum Beispiel¬†Hoffnungen auf ein besseres Leben, auf mehr Freiheiten und die M√∂glichkeit zur Mitgestaltung der Gesellschaft verbunden. Nationalisten, die sehr oft zur gesellschaftlichen F√ľhrungsschicht geh√∂rten, entfachten oftmals¬†eine Nationspropaganda. Sie appellierten an die einfachen Leute, an die Nation zu glauben. Damit wollten sie aber oftmals nur ihre eigenen¬†Interessen durchsetzen und von Problemen in der Gesellschaft ablenken.

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https://de.wikipedia.org/wiki/Telegrafie#/media/Datei:Eisenbahnen-_und_Telegraphendichte_der_Erde_um_1900.jpg

PD

Die schnelle Verbreitung von Informationen und damit auch von politischen Meinungen und Sichtweisen wurde im 19. Jahrhundert weltweit m√∂glich. In Zeitungen wurde √ľber die Nation geschrieben. Was die L√§nder und Nationen betraf, konnte schnell per Telegraphenmeldung verbreitet werden und immer mehr Menschen waren f√ľr alle Nationalgeschichten erreichbar.

Gedenkfeier zum sogenannten
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Urheber: Friedrich Lauffer

https://de.wikipedia.org/wiki/Sedantag#/media/Datei:Frankfurt_Goetheplatz_1895.jpg

PD

Gedenkfeier zum sogenannten "Sedantag" 1895 in Frankfurt am Main. Im Deutschen Kaiserreich wurde dieser Tag immer am 2. September gefeiert. Er erinnerte an die Kapitulation der franz√∂sischen Armee im deutsch-franz√∂sischen Krieg von 1870/71. Die deutsche Nation sollte an diesem Tag ihren Sieg und die Neugr√ľndung des Kaiserreiches feiern. Der Glaube an die Nation wurde im Deutschen Reich zu einer Art Religion.

Eisenbahn als Bauernschreck
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Urheber: Bild von 1858, August Schöll, Verkehrshaus der Schweiz, Luzern

https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:History_of_rail_transport?uselang=de#/media/File:Eisenbahn_als_Bauernschreck.jpg

PD

Scheinbar unaufhaltsam brauste der Fortschritt in Gestalt der Eisenbahn √ľbers Land. Bauern mit ihren Pferden wurden von der Strecke gefegt. So stellten sich im 19. Jahrhundert viele Menschen die Eisenbahn vor: Sie brachte rasend schnell und unerbittlich den Fortschritt.

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Urheber: Over London‚Äďby Rail from London: A Pilgrimage (1872)

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Lage_der_arbeitenden_Klasse_in_England#/media/Datei:Dore_London.jpg

PD

Woran glaubt man, wenn man in solchen Wohnquartieren lebt?

7. Die Versprechen des Nationalismus

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Gleichheit Solidarität Teilhabe Fortschritt Entlastung Vereinfachung

Im 19. Jahrhundert war die Spaltung der Gesellschaft in unterschiedliche Gruppen sehr stark. Es gab oftmals in gro√üer Armut lebende Arbeiter. Ihnen standen meist sehr reiche Unternehmer und Bankiers gegen√ľber. Die Gutsbesitzer auf dem Lande lebten anders als die Landarbeiter. Die Oberschicht grenzte sich von den √§rmeren Menschen ab. In den St√§dten entwickelte sich eine v√∂llig andere Lebensweise als auf dem Dorf. Auch M√∂glichkeiten zur politischen Mitgestaltung waren sehr unterschiedlich verteilt. √Ąrmere Menschen hatten fast keine M√∂glichkeiten, ihre Interessen durchzusetzen.

Der Glaube an die Nation aber f√ľhrte scheinbar zu einer Gleichheit aller Menschen:
Alle waren Deutsche, Franzosen oder Italiener, ganz gleich, ob sie arm oder reich, m√§chtig oder machtlos waren. Und so fanden sich Unternehmer und Arbeiter, Adlige und B√ľrger, Gutsbesitzer oder Bauern auf einer Ebene wieder.

Im 19. Jahrhundert¬†waren die¬†Gesellschaften an vielen Stellen sehr unsolidarisch. Es gab noch keinen Sozialstaat. F√ľr Unf√§lle, die Folgen von Krankheiten oder die Versorgung im Alter gab es keine staatlichen Einrichtungen. Sie begannen sich erst langsam zu entwickeln. In langen Streiks k√§mpften Arbeiter um mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen. Auch Landarbeiter waren oftmals bitter arm. Solidarit√§t √ľbten oftmals nur die Mitglieder der eigenen Gruppe: Arbeiter und Gewerkschaftsmitglieder k√ľmmerten sich umeinander. In den Parteien arbeiteten die Mitglieder f√ľr die Interessen ihrer Gruppe: der Arbeiter, der Adligen, B√ľrger oder auch einer bestimmten Konfessionsgruppe.

Der Glaube an die Nation aber f√ľhrte scheinbar dazu, dass eine neue Art von¬†Solidarit√§t entstand: die Solidarit√§t unter den Angeh√∂rigen der eigenen Nation. Diese sollten zusammenhalten, vor allem im Kampf gegen andere Nationen. Dadurch gab es aber nicht unbedingt mehr¬†Solidarit√§t. Einerseits entwickelte sich zum Beispiel in Deutschland im Rahmen des Nationalstaats langsam eine Sozialsystem, andererseits wurden die Gegens√§tze zwischen Armen und Reichen, M√§chtigen und Machtlosen dadurch aber keineswegs abgeschafft.

Im 19. Jahrhundert war die Macht sehr ungleich verteilt. Die einfachen Menschen in der Stadt und auf dem Land hatten zum Beispiel viel weniger Einfluss auf Gesetze als die reichen B√ľrger, Adligen oder Milit√§rs. √úber die Steuern oder die Ausgaben des Staates entschieden nicht die einfachen Menschen. Das galt auch f√ľr den Beginn von Kriegen, in denen sie dann aber k√§mpfen sollten.

Der Glaube an die Nation aber f√ľhrte scheinbar dazu, dass alle Menschen in die Gesellschaft und die Politik einbezogen waren. In Vereinen, die f√ľr die nationale Sache warben,¬†konnte jeder einen¬†Platz haben. In die Begeisterung f√ľr das nationale Milit√§r, in Deutschland zum Beispiel f√ľr die kaiserliche Flotte, konnte sich jeder einbringen ‚Äď man konnte ihnen beitreten, eine Uniform bekommen, auf einem gro√üen Schiff seinen Dienst tun.¬†Oftmals¬†hatte man in diesen nationalen Einrichtungen¬†nur eine¬†unbedeutende Rolle.¬†Aber mit Uniformen und Abzeichen oder der Verleihung von¬†Titeln und Orden bekamen viele Menschen das Gef√ľhl, eine sinnvolle Aufgabe¬†zu haben.¬†

Das 19. Jahrhundert war eine Zeit gro√üer Ver√§nderungen: Fabriken wurden √ľberall errichtet, St√§dte wuchsen, Eisenbahnen verbanden die St√§dte miteinander. Die Zeit der Industrialisierung war gekommen. Dem Fortschritt standen aber alte Regeln und Traditionen im Wege. Deutschland war zun√§chst noch ein Gebiet mit vielen kleinen Herrschaften und Grenzen. Z√∂lle behinderten den freien Warenaustausch. Und auf dem Lande lebten die Menschen oft noch genauso, wie schon lange Zeit vorher.

Der¬†Glaube an die Nation wurde genutzt, um Ver√§nderungen zu unterst√ľtzen und zu beschleunigen. Wer an die Nation glaubte, bekannte sich damit auch zum Fortschritt. Er trat daf√ľr ein, dass Zollgrenzen aufgehoben, die L√§nder zu gr√∂√üeren Einheiten zusammengeschlossen, Stra√üen, Br√ľcken,¬†Eisenbahnlinien und gro√üe Bahnh√∂fe gebaut werden sollten.

Im 19. Jahrhundert wurde vieles anders und komplizierter: in der Politik, in der Wirtschaft, auch im pers√∂nlichen Leben vieler Menschen. Gerade einfache Leute mussten¬†eine Menge bew√§ltigen. Viele zogen¬†zum Beispiel vom Land¬†in die gro√üen St√§dte. Sie suchten nach Arbeit und wurden zum gro√üen Teil¬†in den Fabriken angestellt. Wenn sie Gl√ľck hatten, bezogen sie dann¬†beengte Wohnungen in den Mietskasernen der neuen¬†Stadtviertel. Sie fanden sich in ganz neuen Verh√§ltnissen wieder. Und der Druck in diesem Leben war gro√ü.¬†Doch auch in der gro√üen Politik gab es viele √Ąnderungen: Die imperialistischen M√§chte teilten die Welt auf. Die Jagd auf Kolonien in Afrika und Asien begann. Konflikte und Kriege gab es dadurch sehr oft. Viele Menschen hatten daher das Gef√ľhl, dass das Leben nicht nur schwer, sondern auch kompliziert geworden war.

Wer aber an die Nation glaubte, konnte aus diesem komplizierten Leben scheinbar fliehen. Die Nation wurde mit Hoffnungen verbunden: sie sollte¬†f√ľr Sicherheit und √úbersichtlichkeit sorgen. Hauptsache die eigene Nation war stark, so dachten viele Menschen,¬†dann k√∂nnte man sich geborgen f√ľhlen und m√ľsste sich nicht mit den vielen Konflikten und Herausforderungen befassen.¬†

Im 19. Jahrhundert entwickelten sich viele gesellschaftlichen Widerspr√ľche.¬†

Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH

Gleichheit Solidarität Teilhabe Fortschritt Entlastung Vereinfachung
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Darstellung

Zusammenfassung: Welche Faktoren verstärkten die Entwicklung des Nationalismus zu einer wichtigen Vorstellung?

  1. Ausbreitung von Kommunikationsmitteln
  2. Ausbreitung einer einheitlichen gemeinsamen Volkssprache
  3. Etablierung einer nationalen Erinnerungskultur in Denkm√§lern, Festtagen, Umz√ľgen, Liedern, Geschichtsb√ľchern
  4. Opfermythen (der Eliten) der Nationalbewegung
  5. Verbindung von Interessen einzelner Gruppen, individuellen Zielen und politischen Pl√§nen mit nationalem Denken und nationalen Ausdr√ľcken
  6. verstärkte Trennung der eigenen (nationalen) Gruppen von anderen (nationalen) Gruppen: Vereinheitlichung des Lebens der Menschen im Inneren des Nationalstaates, klare (Staats-)Grenzen zur Unterscheidung von Gruppen

Marcus Ventzke 

Zusammenfassung

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Darstellung

Der Mensch wird zur Masse

Die Industrialisierung (oder die industrielle Revolution) √§ndert fast alle Lebensbereiche. Durch das Aufkommen von Fabriken entsteht eine neue Gesellschaftsschicht, die Lohnarbeiter. Die Lohnarbeiter sind doppelt frei. Sie k√∂nnen gehen, wohin sie wollen, und ziehen dorthin, wo es Arbeit f√ľr sie gibt: in die rasant wachsenden St√§dte.
Dort wohnen sie häufig in großen Mietskasernen mit wenig Platz und schlechten hygienischen Bedingungen. In den Städten sind die Lohnarbeiter auch frei von den Sicherheiten des alten Lebens in der Großfamilie und der ständischen Gesellschaft.
Die alten "Sicherheiten" - Familie, Stand, K√∂nig und Gott - funktionieren nicht mehr. Die vereinzelten Menschen machen sich auf Suche nach neuen "Sicherheiten", nach Zugeh√∂rigkeit und Identit√§t. Eines der Identit√§tsangebote ist die Nation. Hier, in der nationalen Gemeinschaft, kann der Einzelne wieder Teil einer Masse werden. Mit den neuen M√∂glichkeiten der Massenkommunikation findet das Nationalgef√ľhl immer weitere Verbreitung und Akzeptanz.

Marcus Ventzke

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