Der Krieg geht verloren, doch weiß das die Bevölkerung?
3.5 Durchhalten! Propaganda und Fluchtverbot am Ende des Krieges
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Ende des Jahres 1944 braute sich in den deutschen Ostgebieten eine Katastrophe zusammen. Der Krieg war zu diesem Zeitpunkt militärisch verloren, das Vorrücken der Roten Armee auf deutsche Gebiete nur eine Frage der Zeit. Was tut eine verantwortungsvolle politische Führung in so einer Situation? Sie organisiert die Evakuierung möglichst vieler Zivilisten. Und was tat die nationalsozialistische Führung?
1. Totaler Krieg und Propaganda
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§Rede von Goebbels im Berliner Sportpalast
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Bei dieser Form der Kriegführung wird alles darauf ausgerichtet, den
Krieg zu gewinnen. Die Bevölkerung soll alles für das Erreichen der
Kriegsziele geben. Das normale Leben musste auch in der Heimat der
Kriegsmaschinerie unterstellt werden. Alle verfügbaren Kräfte wurden
entweder an der Front oder in der Heimat bei der kriegswichtigen
Industrie eingesetzt. Der "totale Krieg" wird meist in vier Merkmale
unterteilt.
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Totale Mobilisierung
Totale Kontrolle
Totale Kriegsziele
Totale Kriegsmethoden
Da bereits alle Männer im Krieg sind, werden nun auch Frauen und Kinder mobilisiert. Nicht alle müssen an die Front, viele arbeiten in der Kriegswirtschaft. Stellen also in Fabriken Waffen, Munition und andere Kriegsgeräte wie beispielsweise Panzer her. Auch andere Zweige der Wirtschaft konzentrieren sich auf die Versorgung der Soldaten an der Front.
Um die Bevölkerung auf den Krieg zu konzentrieren werden Freizeitaktivitäten stark eingeschränkt, so schließen beispielsweise Kinos. Der Staat kontrolliert und reguliert alle gesellschaftlichen Elemente.
Der Feind soll durch den Krieg zerstört werden. Dabei ist auch eine Schädigung und Vernichtung der Zivilbevölkerung nicht ausgeschlossen. Der Feind soll so zur Kapitulation gezwungen werden.
Jede Waffe kann und wird eingesetzt, um dem Feind zu schaden und zu vernichten. Dabei wird keine Rücksicht auf Zivilisten genommen.
Totale Mobilisierung
Totale Kontrolle
Totale Kriegsziele
Totale Kriegsmethoden
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§Der Kolberg Film ist einer der letzten Propagandaspielfilme des NS-Regimes. Der Film erzählt die Geschichte der Stadt Kolberg, die in den napoleonischen Kriegen ihre Stadt gegen die feindlichen Truppen verteidigt. Das Video zeigt eine ARTE-Dokumentation zum Film 'Kolberg'.
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Quelle
Der sogenannte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels über die militärische Lage in Pommern am 19. März 1945
Ich will dafür sorgen, daß die Räumung von Kolberg nicht im OKW-Bericht verzeichnet wird. Wir können das angesichts der starken psychologischen Folgen für den Kolberg-Film augenblicklich nicht gebrauchen.
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Aufgabe
Propaganda
Du hast oben zwei Videobeispiele für die Arbeit des Propagandaministers Goebbels in den letzten Kriegsjahren, die 'Sportpalastrede' und den Film 'Kolberg'.
Leite aus diesen Beispielen die Erwartung der NS-Führung an die deutsche Bevölkerung ab. Wie sollte diese sich verhalten?
Nenne die Mittel, mit denen Goebbels versucht, die deutsche Bevölkerung zu beeinflussen.
Erkläre die Gründe dafür, dass Goebbels in Element 6 die Einnahme Kolbergs vor der deutschen Bevölkerung geheim halten will.
2. Fluchtverbot im Osten
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Im Januar 1945 startete die Rote Armee ihre Winteroffensive. Und obwohl die Sowjets immer näher an die deutsche Ostfront rückten, gab es keinerlei Anzeichen einer Evakuierung der deutschen Bevölkerung. Die Nationalsozialisten hielten an der Idee fest, dass der sowjetische Vormarsch auf deutschem Boden gestoppt werden müsste.
Die Rote Armee rückte immer weiter vor, den Alliierten gelangen Vorstöße nach Ostpreußen. Trotz der drohenden Gefahr sprach Erich Koch, Gauleiter der NSDAP in Ostpreußen, ein Fluchtverbot aus, dessen Übertretung hart bestraft wurde. Evakuierungsplänen wurde zu diesem Zeitpunkt keine Beachtung geschenkt, denn man hielt starr am endgültigen Sieg der Deutschen und der Ideologie "Verteidigung bis zum letzten Mann" fest.
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Aufgabe
Fluchtverbot
Sieh dir die beiden Zeitzeugenberichte in Element 10 & 11 zum Fluchtverbot an.
Nenne die angeführten Gründe für das Fluchtverbot, das die NS-Führung ausgesprochen hatte.
"Das ist ein schwerer Vorwurf, den man den Deutschen eigentlich zu machen hat, dass sie diese Flucht nicht eher ermöglicht haben." Arno Surminski im Video. Welche Möglichkeiten hätte die NS-Führung gehabt, anders auf das Vorrücken der Roten Armee zu reagieren?
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§Zeitzeuge Arno Surminski zum Fluchtverbot 1944
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§Zeitzeuge Bruno Behrendt zum Fluchtverbot 1944
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3. Siegesillusion im Osten
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Für Adolf Hitler galt eine Evakuierung als Niederlage und war somit keine Option. Es galt also, den Widerstandswillen der Bevölkerung zu stärken. Natürlich wurden die Ereignisse an der Ostfront nicht wahrheitsgemäß dargestellt, sondern in Zeitungen und Radio nur sehr gefiltert weitergegeben. Hier wurde eine Illusion des Sieges dargestellt, obwohl eigentlich längst klar war, dass der Krieg verloren war. Die NSDAP vertrat starrsinnig ihre Ideologie des "Endsieges" und der "Verteidigung bis zum letzten Mann".
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Aufgabe
Hitlers Rede vom 30. Januar 1945
Hör dir Hitlers letzte öffentliche Rede vom 30.01.1945 an:
Erläutere Hitlers verzerrtes Geschichtsbild! Was ist damit gemeint?
Wodurch versucht er den Siegesglauben der Deutschen zu bestärken? Welches rhetorische Mittel wendet er an?
Interpretiere folgende zwei Textpassagen:
Es gibt deshalb in diesem Schicksalskampf für uns nur ein Gebot: Wer ehrenhaft kämpft, kann damit das Leben für sich und seine Lieben retten. Wer der Nation aber feige oder charakterlos in den Rücken fällt, wird unter allen Umständen eines schimpflichen Todes sterben.
Ich erwarte von jedem Deutschen, daß er deshalb seine Pflicht bis zum äußersten erfüllt, daß er jedes Opfer, das von ihm gefordert wird und werden muß, auf sich nimmt, ich erwarte von jedem Gesunden, daß er sich mit Leib und Leben einsetzt im Kampf, ich erwarte von jedem Kranken und Gebrechlichen oder sonst Unentbehrlichen, daß er bis zum Aufgebot seiner letzten Kraft arbeitet; ich erwarte von den Bewohnern der Städte, daß sie die Waffen schmieden für diesen Kampf, und ich erwarte vom Bauern, daß er unter höchstmöglicher eigener Einschränkung das Brot gibt für die Soldaten und Arbeiter dieses Kampfes. Ich erwarte von allen Frauen und Mädchen, daß sie diesen Kampf – so wie bisher – mit äußerstem Fanatismus unterstützen. Ich wende mich mit besonderem Vertrauen dabei an die deutsche Jugend.
Hitlers letzter Rundfunkauftritt vom 30.01.1945§PD
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Aufgabe
Krieg und 'Nachrichten'
Sieh dir die Wochenschau von Anfang 1945 an. Beschreibe, wie die Ereignisse in der Wochenschau dargestellt werden.
Werden die Ereignisse in der Wochenschau wahrheitsgetreu dargestellt? Begründe deine Vermutung.
Warum wird von der Lage an der Ostfront nichts berichtet?
Führerbefehl vom 22. April 1945 in Berlin, ähnliche Befehle gab es auch in Breslau und Danzig
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Darstellung
Motive für die Kampfbereitschaft
Der Krieg war aussichtslos und im Grunde bereits verloren. Warum kämpften die Soldaten also bis zum Ende des Krieges weiter? Folgende Motive waren ausschlaggebend für die Kampfbereitschaft.
Siegesüberzeugung
Lange Zeit waren die meisten Deutschen tatsächlich von einem siegreichen Ende des Krieges überzeugt. Der Glaube an den Sieg gab ihnen Mut und Hoffnung, was dazu führte, dass sie auch in nahezu hoffnungsloser Lage weiterkämpften. Die Tatsache, dass der Krieg spätestens ab Sommer 1944 (Zusammenbruch der Ostfront, Landung der Alliierten) militärisch verloren war, wurde so gut es ging geheim gehalten. Die NS-Führung war sehr bemüht, die Kriegsmoral und die Siegesillusion aufrechtzuerhalten.
Glaube an den Führer
Ein weiteres Motiv für das Weiterkämpfen der Soldaten war der Glaube an ihren Führer Adolf Hitler. Die erfolgreichen 'Blitzkriege' zu Beginn des Krieges, in denen in kürzester Zeit riesige Territorien erobert worden waren, hatten Adolf Hitler den Ruf eines unschlagbaren Militärgenies eingebracht. Viele Deutschen trauten dem 'Führer' fast schon magische Fähigkeiten zu, mit denen er die Gegner selbstverständlich besiegen würde.
Pflichtbewusstsein
Auch das Pflichtbewusstsein spielte eine bedeutende Rolle und gehörte zum Soldatentum dazu. Das Pflichtbewusstsein war bedeutender als die Sehnsucht nach der Heimat und der Familie. Für sein Vaterland zu kämpfen und sich zu opfern wurde von den Nationalsozialisten erwartet, schließlich kämpfe Deutschland um seine Existenz. Der deutsche Soldat müsse sich in diesem "Schicksalskampf" beweisen. Dazu zählen natürlich die typischen Soldatentugenden wie Mut, Gehorsam, Tapferkeit und Willensstärke.
Angst vor der Niederlage
Auch die Angst vor der Niederlage war ein starkes Motiv, das viele zum Weiterkämpfen bewegte. Die Angst, alle Mühen könnten umsonst gewesen sein und die Angst vor der Rache der Gegner waren es, die die deutschen Soldaten weiterkämpfen ließen. Von der Bereitschaft sich für das Vaterland zu opfern ist hier aber nicht die Rede, sondern man hatte viel mehr Angst vor dem Tod. Gerade die Soldaten an der Ostfront hatten oft eine gute Vorstellung davon, welche Grausamkeiten die Deutschen während des Krieges in der Sowjetunion begangen hatten und waren oft selbst an diesen beteiligt gewesen. Sie erwarteten keine Gnade von den sowjetischen Soldaten.
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Quelle
Feldpostbrief von Paul Neujahr, Danzig 1945
§PD
Danzig-Neufahrwasser, d. 14.3.45
Meine liebe Puppe, mein liebes Töchterchen! Alle meine Lieben! Alle Möglichkeiten, Euch zu schreiben, werden ausgenutzt. So nutze ich die Gelegenheit, da ich am 15.3. wieder in Danzig bin beim Orthopäden (ich lasse mir Einlagen machen, da lt. ärztl. Befund noch "kriegsverwendungsfähig". aber hochgradig Senk-Spreizfuß habe!) und den Brief jetzt im Hauptpostamt abgebe! Ich war heute in Danzig, da war gerade Artellerie-Beschuß. Hotel Continental hat einen Treffer bekommen. Flüchtlinge waren da gerade zum Essen, die Leichen grauenvoll, ich hätte bald geheult, als ich die Kinderleichen sah. Alle Geschäfte sonst geschlossen, in Kinos sind auch Flüchtlinge untergebracht! Ein großes Heerlager von Militär. Danzig richtet sich zur Verteidigung ein. Ich habe auf der Straßenbahn von einer Frau 1000 gr. Brotmarken bekommen und ein ganz frisches Brot gekauft. Und bei einem Schlächter gab mir die Frau nach vielem Reden 100 gr. Wurst. Auf dem Schlachthof kaufe ich (45 Pfg. pro Pfd!) 20 Pfd. Rindfleisch. Wir haben auf der Stube gleich uns Gehacktes gemacht und Buletten mit Sonnenblumenöl gebraten. Fabelhaft, mal wieder satt! Also Du siehst, liebe Mutti, daß ich noch immer einen guten Schutzengel habe, der muß und wird mich weiter beschützen. Noch ist nichts raus, wann es zum Einsatz geht! Aber eines Tages wird's doch sein müssen! Vielleicht kommen wir vorher noch raus aus dieser ekelhaften Falle! Dicht am Hafen Neufahrwasser liegen wir ja!! Aber erst verladen sie Verwundete und Flüchtlinge! Wir kommen erst zum Schluß, dann vielleicht heran. Es ist zwar ein ekelhaftes Gefühl, so im Kessel zu liegen. Adlershorst wurde heute sehr beschossen! Wir müssen mit allen Eventualitäten rechnen und auch mit Gefangenschaft! Aber, liebe Mutti, sei deswegen nicht traurig. Wenn das der Fall sein muß, dann muß man sich damit abfinden, aber wir sind dann 100000 Mann. Unendlich viel Militär, Volkssturm, Marine, HJ usw. liegen hier. - Trudel Fischer hat auch ein schweres Los. Karte liegt bei! Erich wird vermißt oder tot sein. Ich befürchte das letztere, kenne den Rummel. In einem so heillosen Durcheinander denkt man nicht an die Benachrichtigung der Angehörigen, wir z.B. haben es, soweit bekannt, zwar auch von hier aus getan! Die Toten werden erst nach Tagen beerdigt. Tröste Trudel Fischer, aber sage ihr nichts von meinen Befürchtungen! Hier sieht es katastrophal aus, überall Militär, es muß uns gelingen, Danzig zu halten und durchzukommen oder aber per Schiff zu entfliehen! Der Druck der Russen ist auch hier sehr stark! Aber wir hoffen, hoffen! Daß meine Gedanken ständig bei Euch sind, ist selbstverständlich! Ich gestehe auch ein, daß ich schon mächtige Sehnsucht nach Euch allen habe. Aber der Krieg ist unerbitterlich. Mal wird Schluß sein! Bleibt alle tapfer und vergeßt Euren Vati nicht. Liebe Mutti, Postsparbuch hast Du ja. Du kannst notfalls immer weiter mit meinem Namen unterzeichnen. Vollmacht ist ja nicht notwendig. Du handelst ja stets in meinem Sinne, also weiter so. Hoffentlich habt Ihr eine anständige Bleibe, braucht nicht zu hungern und frieren! Ich mache mir deswegen große Gedanken. Deckt Euch mit Lebensmitteln ein. Wenn die Belagerung kommt, dann Fühlung halten auch mit Schlachthof (evtl. durch Rudi Richter!) Was gibt's neues? Ich warte so sehnsüchtig auf Post. An jeden kann ich nicht mehr schreiben. Keine Zeit, auch Lichtsperrstunde, dazu Wache u.s.w. Morgen schreibe ich nicht. Da wollen wir, da noch 2 Ztr. Fleisch angerollt sind, ein Kompanie-Essen machen. Aber übermorgen, sofern noch hier und Zeit! Haltet alle zusammen, dann läßt sich alles leichter ertragen!
Herzliche Grüße an alle Lieben dort, besonders Eltern, Geschwister und viele tausend Küsse von Eurem Vati. Meine liebe Helga, bleib hübsch brav und anständig und hilf Mutti wo Du nur kannst. Schule laß Schule sein.
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Quelle
Feldpostbrief des Soldaten Heinz, 1943
§PD
O.U., den 21.1.43.
Liebe Elly, lieber Fred, Gestern kam Euer Brief vom 14.1. hier an. Recht schönen Dank, Ich habe mich sehr gefreut, weil es die erste längere Nachricht aus der Heimat war. Ich will nun auch gleich antworten: Die strenge Kälte hat bei und nur wenige Tage angehalten und ich hoffe, dass es bei Euch auch so ist. Meist ist ja hier das Wetter ähnlich, wie in Deutschland. Jetzt haben wir nur noch bis 15° Kälte und es ist einigermassen erträglich. Im Zimmer ist es allerdings immer noch so kalt. Meist nur 13°. Ich habe mich aber schon einigermassen daran gewöhnt. Es bleibt mir ja nichts weiter übrig. Was Du über die schönen Stunden schreibst, die ich bei Euch verlebt habe, kann ich nur bestätigen. Auch ich wünsche mir, dass ich noch recht viele so schöne Tage bei Such verleben kann und hoffe, dass es bald soweit ist. Ich bereue jedenfalls keinen Tag, den ich bei Euch verbracht habe. Schöner konnte ich mir meinen Urlaub wirklich nicht wünschen. - Für die Grüsse Deiner Kollegen recht schönen Dank. Grüsse Sie bitte auch von mir und ich denke gerne an die Hasenbraten zurück, besonders, wenn es bei uns Sauerkrautsuppe als Mittagessen gibt. - Päckchenmarken habe ich z.Zt. nicht meht zur Verfügung. Sobald ich welche bekomme, schicke ich Sie. - Auf den Geburtstagskuchen freue ich mich schon jetzt. Du kannst ruhig Kuchen schicken. Die Stolle hat den Transport fabelhaft überstanden und ausgezeichnet geschmeckt. Gestern habe ich übrigens das letzte Stückchen Wurst aus dem Päckchen gegessen. Und damit ist nun alles alle. Leider, leider. Noch mehr konnte ich aber nicht einteilen. Jetzt wird es nun kritisch und ich muss sehen, wie ich zurecht komme. - Den Foto schicken halte ich für riskant. Wenn aber wieder ein Urlauber fährt, dann schreibe ich Dir. Das ist dann sicherer. Vielleicht komme ich auch bald wieder auf Urlaub und kann ihn dann selbst mitnehmen. Hauptsache ist aber Erst mal, dass Du ihn überhaupt bekommst. Hoffentlich klappt es. Geld spielt keine Rolle. Bei nächster Gelegenheit schicke ich 100,- RM an Dich ab. - Irgendwelche Hoffnungen auf Kurse und Kommandierungen ins Reich sind Zwecklos. Ausserdem wisst Ihr ja, dass ich ganz zufrieden bin, da es hier immer noch einigermassen sicher ist. - 4 Millionen, grosse Offensive und Schluss halte ich auch für wahrscheinlich, übrigens war ich erstaunt, dass jetzt viele meiner Kameraden dieselbe Ansicht haben, wie ich. Es hat sich also doch schon herumgesprochen. Na, hoffentlich geht alles einigermassen gut ab. So, das wäre nun alles zu dem Brief. - Inzwischen ist auch Post von Papa gekommen. Das übliche blöde Zeug, Streit mit Onkel Alex, der nicht nur dumm sondern auch undankbar ist (!!), Streit mit der ganzen Welt, Kriegsbegeisterung usw., usw. Ich habe bald keine Lust mehr auf den Blödsinn zu antworten. Es ist immer dasselbe und 1 Brief gleicht dem anderen. - Von Egon habe ich auch einen Brief bekommen. Abgegangen am 23.12. Er steckt im Kessel bei Stalingrad. Nachschub nur durch die Luft. 7 Mann 1 Brot, nur kalte Kost, viel Arbeit und dauernd Kämpfe. Es soll furchtbar sein. Sind damals schon 4 1/2 Wochen eingeschlossen gewesen. - Sonst nicht viel neues. Ich mache viel Wache. Sonst dafür aber auch fast garnichts. Heute viel Schnee und ziemlich warm. Höchstens 5°. Diesmal scheint es der Winter mit uns gnädig zu machen. - Karamba schicke ich auch bald ab. - Den Bericht über die Stadt habe ich schnell noch fertig gemacht, weil ich ihn Euch versprochen habe. Ging aber sehr in Eile und ist deshalb nicht besonders geworden. Schreibe gelegentlich noch mehr dazu, - So, das wäre nun einstweilen alles, was ich zu berichten hätte. Hoffe nun bald von Euch mehr zu hören, besonders, wie der Fliegeralarm abgelaufen ist. Hoffentlich fängt es nicht wieder so an, wie vor 2 Jahren. Morgen gehe ich zum Zahnarzt und übermorgen habe ich Wache. Für die nächsten 2 Tage bin ich also wieder beschäftigt. Wenn sich nichts besonderes ereignet, schreibe ich in 8 - 10 Tagen wieder.
Einstweilen nun recht herzlichen Gruss und gute Besserung für Fred Heinz
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Aufgabe
Briefe
Lies dir die beiden Feldpostbriefe aus dem Zweiten Weltkrieges durch. Diese waren durch Zensur geprägt und wurden kontrolliert – die Soldaten konnten also nicht immer all ihre Gedanken und Gefühle zu Papier bringen. Kannst du ein Motiv für das Durchhaltevermögen erkennen? Wenn ja, welches?
Such dir nun einen der beiden Feldpostbriefe aus und versetze dich in die Lage des Schreibenden:
Schreibe dazu einen inneren Monolog aus der Sicht des Soldaten und denke über folgende Punkte nach:
Das habe ich erlebt
Das sind meine Hoffnungen
So fühle ich mich
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Aufgabe
Partnerarbeit
Diskutiert die folgenden Fragen gemeinsam:
Was hätte eine frühere Evakuierung Ostpreußens geändert?
Wieso hielten die Nationalsozialisten so starrsinnig an ihrer Ideologie des 'Endsieges' fest?
Was sagt dies über die Handlungsmoral der Verantwortlichen aus?
Zusammenfassung: Durchhalten! Propaganda und Fluchtverbot am Ende des Krieges