10.2. Eine unvollkommene Trennung

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10.2. Eine unvollkommene Trennung

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Wie ist es eigentlich zum Ende der Sowjetunion, das der Ukraine die UnabhĂ€ngigkeit brachte, gekommen? Immerhin war die Ukraine ĂŒber Jahrhunderte hinweg Teil erst des russischen und dann des sowjetischen Staates. Kann eine Trennung mit einer solchen Vorgeschichte ĂŒberhaupt gelingen? Und welche Folgen hatte diese Trennung fĂŒr die Menschen in der Ukraine?

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Die Inhalte dieses Kapitels kurz zusammengefasst und in Zusammenhang gesetzt.
Welche Details oder Fakten wurden hier nicht erwĂ€hnt, sind aber fĂŒr dich besonders spannend oder neu?
In diesem Kapitel erhÀltst du umfassende Informationen. Los geht's!

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Das NationalitÀtendenken löst die Sowjetunion auf

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Zit.+n.:+BlĂ€tter+fĂŒr+deutsche+und+internationale+Politik,+2/1992,+Dokumente+zum+Ende+der+Sowjetunion+und+zur+Entstehung+der+Gemeinschaft+UnabhĂ€ngiger+Staaten+(https://www.blaetter.de/ausgabe/1992/februar/dokumente-zum-ende-der-sowjetunion-und-zur-entstehung-der-gemeinschaft-unabhaengiger-staaten+[10.1.2026]).
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https://www.blaetter.de/ausgabe/1992/februar/dokumente-zum-ende-der-sowjetunion-und-zur-entstehung-der-gemeinschaft-unabhaengiger-staaten

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English: “Leonid Kravchuk, Stanislav Shushkevich and Boris Yeltsin”
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Urheber: RIA Novosti archive, image #52076 / Yuriy Ivanov / CC-BY-SA 3.0

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:RIAN_archive_52076_Leonid_Kravchuk,_Stanislav_Shushkevich_and_Boris_Yeltsin_(cropped).jpg?uselang=de

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v. l. n. r.: Der ukrainische PrĂ€sident Leonid Krawtschuk, der belarussische PrĂ€sident Stanislaw Schuschkewitsch und der russische PrĂ€sident Boris Jelzin bei der VerkĂŒndung der Belowescher BeschlĂŒsse

Dieser Satz steht am Anfang der "Belowescher Vereinbarungen", die im Jahr 1991 von den PrĂ€sidenten der Ukraine, Belarus' und Russlands in einem Landhaus in der Belowescher Heide in Belarus unterzeichnet wurden. Die Vereinbarungen umfassten 14 Punkte, in denen Fragen zum zukĂŒnftigen VerhĂ€ltnis der drei Staaten zueinander geklĂ€rt wurden.
Boris Jelzin
, der russische PrĂ€sident, soll zur Feier des Tages schon morgens auf jeden der 14 Punkte ein Glas Wodka getrunken haben und danach nicht mehr in der Lage gewesen sein, die Vereinbarungen der Presse zu verkĂŒnden. Die angesetzte Pressekonferenz musste auf den Nachmittag verschoben werden.

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Eine Dokumentation des Senders Phoenix ĂŒber den Untergang der Sowjetunion
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Quelle

Russland: „Staatliche SouverĂ€nitĂ€t der RSFSR" (1991)

"Der erste Kongress der Volksdeputierten [...] verkĂŒndet feierlich die staatliche SouverĂ€nitĂ€t der RSFSR auf ihrem gesamten Territorium und erklĂ€rt die Entschlossenheit, einen demokratischen Rechtsstaat im Verband der erneuerten UdSSR zu schaffen.
1. Die RSFSR ist ein souverÀner Staat, der durch den Zusammenschluss seiner Völker historisch geschaffen worden ist."

Andreas Kappeler (Hg.), Die Russen. Ihr Nationalbewusstsein in Geschichte und Gegenwart, Köln 2006, S. 206f.

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Quelle

Ukraine: „Schaffung eines unabhĂ€ngigen Staates Ukraine"

"[...] in Fortsetzung der ein Jahrtausend alten Tradition der Staatsbildung der Ukraine und gestĂŒtzt auf das Selbstbestimmungsrecht [...] feierlich die UnabhĂ€ngigkeit der Ukraine und die Schaffung eines unabhĂ€ngigen Staates Ukraine. Das Territorium der Ukraine ist unteilbar und unantastbar. Von heute an gelten auf dem Territorium der Ukraine ausschließlich die Verfassung und Gesetze der Ukraine."

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Mit dem Inkrafttreten der BeschlĂŒsse endete die 69-jĂ€hrige Geschichte der Sowjetunion. Eine Supermacht verschwand damit von der Landkarte, obwohl das unterzeichnete Dokument eigentlich die GrĂŒndung der Gemeinschaft unabhĂ€ngiger Staaten (GUS) beinhaltete – also einem Nachfolgekonstrukt der Sowjetunion. Wladimir Putin bezeichnete diesen Vorgang – die Auflösung der Sowjetunion – 2005 als „die grĂ¶ĂŸte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“.

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Hintergrundinformation

Die Sowjetunion – Struktur und Begriffe

Die Sowjetunion war ein Zusammenschluss aus insgesamt 15 Teilrepubliken. Jede dieser Teilrepubliken war formal ein eigener Staat, mit eigenen staatlichen Institutionen und einer eigenen kommunistischen Partei. Die grĂ¶ĂŸte dieser Teilrepubliken war die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik.

Es entstand die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken – UdSSR/Sowjetunion. Diese Union hatte ihre eigenen staatlichen Institutionen. Sie wurde beherrscht von der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Über lange Zeit lagen alle relevanten politischen Entscheidungen in den HĂ€nden der KPdSU. In den Teilrepubliken konnte nicht wirklich Politik gegen deren Willen gemacht werden.

Dies Ă€nderte sich aber in den 1980er Jahren. Aus verschiedenen wirtschaftlichen und politischen GrĂŒnden verloren die Unionsregierung und die KPdSU an Macht. Die Teilrepubliken gewannen SpielrĂ€ume fĂŒr eine eigenstĂ€ndigere Politik, weil die Unionsregierung immer weniger in der Lage und/oder willens war, die Teilrepubliken politisch zu kontrollieren. 1990 erklĂ€rten sich mehrere Teilrepubliken fĂŒr unabhĂ€ngig. Die Sowjetunion als Union von Teilrepubliken (u. a. der russischen, belarussischen und ukrainischen) existierte Anfang Dezember 1991 aber noch.

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Hintergrundinformation

Die Gemeinschaft unabhĂ€ngiger Staaten (GUS) – eine neue Sowjetunion?

Die GUS war keine Nachfolgerin der Sowjetunion. Die Sowjetunion war eine streng gefĂŒhrte Diktatur, in der alle politischen Entscheidungen fĂŒr alle Teile des Landes zentral getroffen und durchgesetzt wurden. Von einer Nachfolge konnte schon deshalb keine Rede sein, weil die Staaten, die die Sowjetunion gebildet hatten, ihre UnabhĂ€ngigkeit erklĂ€rten. Diese wollten sie nie wieder aufgeben. Nur als unabhĂ€ngige Staaten waren sie bereit, ĂŒber einzelne Formen der Zusammenarbeit zu verhandeln. Obwohl die GUS bis heute existiert und auch einige gemeinsame Institutionen fĂŒr die wirtschaftliche Zusammenarbeit und kollektive Sicherheit besitzt, ist sie mit der Sowjetunion also keinesfalls vergleichbar.

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Weiterfragen

Durften die das?

“Mikhail Gorbachev”. General Secretary of the CPSU Central Committee Mikhail Gorbachev speaking at a news conference after a Soviet-American summit in Reykjavik, Iceland, in 1986.
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Urheber: RIA Novosti archive, image #359290 / Yuryi Abramochkin / CC-BY-SA 3.0

https://de.wikipedia.org/wiki/Michail_Sergejewitsch_Gorbatschow#/media/Datei:RIAN_archive_359290_Mikhail_Gorbachev.jpg

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Michail Gorbatschow, letzter Staatschef der Sowjetunion

Die drei PrĂ€sidenten trafen sich 1991 als Vertreter ihrer Teilrepubliken, fassten jedoch einen Beschluss, der die gesamte Sowjetunion betraf. Obwohl seit 1990 im Föderationsrat ĂŒber die Zukunft der UdSSR verhandelt wurde, entschieden sie ohne Einbeziehung aller Republiken.

Der sowjetische PrĂ€sident Michail Gorbatschow wurde bewusst umgangen und erst nachtrĂ€glich informiert, da er weiterhin fĂŒr den Erhalt der Union eintrat. Auch die ĂŒbrigen Republiken wurden zunĂ€chst ausgeschlossen.

Zwar hĂ€tten die PrĂ€sidenten nur den Austritt ihrer eigenen Staaten erklĂ€ren dĂŒrfen, doch mit der Feststellung, die Sowjetunion habe aufgehört zu existieren, lösten sie faktisch die UdSSR auf. Der Beschluss wurde international anerkannt. Gorbatschow griff nicht ein und trat schließlich zurĂŒck, da der Staat, dessen PrĂ€sident er war, nicht mehr existierte.

Die ukrainischen PrÀsidenten und die Auflösung der Sowjetunion

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Keiner der ukrainischen PrĂ€sidenten hat je versucht, die Auflösung der Sowjetunion rĂŒckgĂ€ngig zu machen. Im Gegenteil: Die UnabhĂ€ngigkeit von 1991 wurde durchweg als Grundlage des ukrainischen Staates betrachtet – wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten.

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Die ukrainischen PrÀsidenten und ihre Einstellung zur ukrainischen UnabhÀngigkeit
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Krawtschuk Kutschma Juschtschenko Janukowytsch Poroschenko Selenskyj

Leonid Krawtschuk (1991–1994) – Mitarchitekt der Auflösung

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https://de.wikipedia.org/wiki/Leonid_Krawtschuk#/media/Datei:RIAN_archive_52076_Leonid_Kravchuk,_Stanislav_Shushkevich_and_Boris_Yeltsin_(cropped).jpg

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Leonid Krawtschuk

Leonid Krawtschuk war der erste PrÀsident der unabhÀngigen Ukraine. Zusammen mit dem damaligen russischen PrÀsidenten Boris Jelzin und dem belarussischen PrÀsidenten Stanislaw Schuschkewitsch unterzeichnete er das Abkommen von Belowesch, das den Zerfall der Sowjetunion besiegelte.

Der erste PrÀsident der Ukraine, Leonid Krawtschuk, ein ehemaliger Kader der Kommunistischen Partei, hatte sich bereits Anfang der 1990er Jahre zur nationalen Idee bekannt.

Krawtschuk sagte im Dezember 2013 wĂ€hrend der Unruhen auf dem Euromaidan: „Die Russen betrachten uns seit 350 Jahren als ihren Gutsbesitz." Er blieb bis zu seinem Tod 2022 ein Verteidiger der ukrainischen UnabhĂ€ngigkeit.

Leonid Kutschma (1994–2005) – Pragmatische Schaukelpolitik

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https://de.wikipedia.org/wiki/Leonid_Kutschma#/media/Datei:%D0%9B%D0%B5%D0%BE%D0%BD%D1%96%D0%B4%D0%B0_%D0%9A%D1%83%D1%87%D0%BC%D0%B8,_2019,_2_(cropped).jpg

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Leonid Kutschma

Die ukrainischen PrĂ€sidenten Krawtschuk, Kutschma und Janukowytsch, die die Ukraine von 1991 bis 2004 und von 2010 bis 2014 leiteten, hatten erkannt, dass die Ukraine als Staat nur mit guten Beziehungen zu Russland und zur EU ĂŒberleben kann. Die drei PrĂ€sidenten hofften, von der EU und von Russland profitieren zu können und betrieben eine Schaukelpolitik.

Kutschma, der ukrainische PrĂ€sident der Jahre 1994–2005, setzte auf das Vergessen und blendete Spannungen ĂŒber die nationale Vergangenheit so weit wie möglich aus. Eine RĂŒckkehr zur Sowjetunion stand nie zur Debatte.

Wiktor Juschtschenko (2005–2010) – Nationale Erinnerungspolitik

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https://de.wikipedia.org/wiki/Wiktor_Juschtschenko#

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Wiktor Juschtschenko

Erst in der Amtszeit von Wiktor Juschtschenko wurde die Heroisierung der ukrainischen UnabhĂ€ngigkeitsbewegung zum Bestandteil der Staatspolitik. Der Zweite Weltkrieg wurde nunmehr nicht als ein heroischer Sieg ĂŒber die Nazis angesehen, sondern als eine furchtbare Tragödie des ukrainischen Volkes in einer Situation der „Staatenlosigkeit". 

Die „Ukrainisierung" bekam nach der Orangen Revolution von 2004, die Wiktor Juschtschenko als PrĂ€sidenten an die Macht brachte, einen neuen Schub. Juschtschenko trieb die Westorientierung voran und betonte die Abgrenzung von Russland.

Wiktor Janukowytsch (2010–2014) – Pro-russisch, aber fĂŒr UnabhĂ€ngigkeit

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Wiktor Janukowytsch

Janukowytsch war zwar russlandfreundlich eingestellt und verlangsamte die Westintegration, stellte aber die staatliche UnabhĂ€ngigkeit der Ukraine nie in Frage. Nachdem Wiktor Janukowytsch PrĂ€sident wurde, Ă€nderte sich die Erinnerungspolitik erneut – hin zu einer weniger sowjetkritischen Linie. Eine Wiedervereinigung mit Russland stand jedoch nicht auf seiner Agenda.

Petro Poroschenko (2014–2019) – Abgrenzung von Russland

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Petro Poroschenko

Im Gegensatz zum vorherigen PrÀsidenten bezeichnete Poroschenko Russland als Aggressor und die Sowjetunion als totalitÀres Regime, das mit den Nazis vergleichbar sei. 

Unter Poroschenko wurde das sogenannte „Gesetzespaket zur Dekommunisierung" vom Parlament verabschiedet. Laut diesem Gesetz wird die sowjetische Vergangenheit mit der Nazivergangenheit gleichgestellt und die komplette sowjetische Geschichtsperiode als verbrecherisch und totalitĂ€r verurteilt.

Wolodymyr Selenskyj (seit 2019) – Versöhnender Ansatz, dann Abwehr

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Wolodymyr Selenskyj

Selenskyj vermied in seinen PrÀsidentschaftsansprachen sowohl sowjetische Vergangenheitsformeln als auch die Verherrlichung des ukrainischen nationalistischen Untergrunds. Im Gegensatz zum vorherigen PrÀsidenten Poroschenko bezeichnete Selenskyj Russland zunÀchst nicht als Aggressor und die Sowjetunion nicht als totalitÀres Regime.

Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 hat sich das grundlegend geĂ€ndert – Selenskyj betont nun die historische KontinuitĂ€t russischer UnterdrĂŒckung. Aber auch er stellte die UnabhĂ€ngigkeit von 1991 nie in Frage, sondern feierte sie als GrĂŒndungsakt des modernen ukrainischen Staates.

Krawtschuk Kutschma Juschtschenko Janukowytsch Poroschenko Selenskyj
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Quelle

Der ukrainische PrĂ€sident Leonid Kutschma (* 1938) ĂŒber die Ukraine und Russland

„Die Ukraine wollte eine gleichberechtigte Partnerschaft mit Russland [...]. Aber es gibt KrĂ€fte in Russland, die nicht verstehen wollen, dass die Ukraine ein souverĂ€ner Staat ist. Das ist das Hauptproblem in unseren Beziehungen zu Russland."

Zitiert nach: Taras Kuzion, Ukraine under Kuchma. Political Reform, Economic Reform, Economic Transformation and Security Policy in Independent Ukraine, Basingstoke u.a. 1998, S. 201 (ĂŒbers. v. Marcus Ventzke).

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Aufgabe

Außenpolitik der Ukraine nach 1991

Die Politik der ukrainischen PrĂ€sidenten nach 1991 wurde immer wieder als „Schaukelpolitik" bezeichnet. 

  1. Recherchiere nach diesem Begriff und erlÀutere, was er bedeutet.
  2. Arbeite die Elemente 12 bis 14 durch und erklĂ€re die GrĂŒnde fĂŒr diese Politik anhand einzelner ukrainischer PrĂ€sidenten.

Nach der UnabhÀgigkeit 1990: Die wirtschaftlich-soziale Entwicklung der Ukraine und die Verflechtungen mit Russland

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In den 1990er Jahren prĂ€gten Schattenwirtschaft, Korruption und Oligarchen die Ukraine. In Hyperinflation und Wirtschaftschaos entstand statt einer funktionierenden Marktwirtschaft eine „Clanwirtschaft", in der mĂ€chtige Netzwerke die Industrie unter sich aufteilten. Nach der Energiepreiserhöhung 1994 flossen etwa 30% der Wirtschaftsleistung fĂŒr Energieimporte nach Russland.

Ab 2000 erholte sich die Wirtschaft mit jĂ€hrlichen Wachstumsraten von rund 7%. Allerdings erreichte die Ukraine erst 1999 wieder das Niveau von 1989 – die Überwindung des wirtschaftlichen Zusammenbruchs nach dem Sowjetende dauerte fast zehn Jahre.

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Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts der Ukraine

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Information

Handel zwischen Russland und der Ukraine

Der Handel mit Russland wuchs in den 2000er Jahren um 40%. Bis 2010 war Russland mit 26% aller Exporte der wichtigste Handelspartner. Nach dem WTO-Beitritt 2008 verbesserten sich auch die Handelsbeziehungen zu Europa.

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Ökonomische und infrastrukturelle Vernetzung der Ukraine und Russlands: Öl- und Gas-Pipelines

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Ökonomische und infrastrukturelle Vernetzung der Ukraine und Russlands: Spurbreiten der Eisenbahn

Die Ukraine und Russland waren wirtschaftlich und infrastrukturell eng vernetzt. Das betrifft Verkehrswege, Rohstofftransportsysteme wie Öl- und Gas-Pipelines oder auch die Verflechtung der Industrien. Gerade die RĂŒstungsindustrie Russlands war lange von den Metall- und Elektrobetrieben der Ukraine abhĂ€ngig. Einer der weltweit grĂ¶ĂŸten Triebwerkshersteller, die ukrainische Firma „Motor Sitsch" produzierte zum Beispiel die Motoren fĂŒr die meisten russischen MilitĂ€rhubschrauber. Insgesamt entfielen zwischen einem Drittel und der HĂ€lfte des ukrainischen Handels auf die Russische Föderation. Besonders stark war die AbhĂ€ngigkeit im Energiebereich: Bis zu 75 Prozent des jĂ€hrlich verbrauchten Gases und fast 80 Prozent des Öls kamen auch nach der UnabhĂ€ngigkeit aus Russland.

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Die UnabhĂ€ngigkeit 1991 brachte fĂŒr die ukrainische Bevölkerung zunĂ€chst keine Verbesserung, sondern eine soziale Katastrophe. Der wirtschaftliche Zusammenbruch, die Hyperinflation und der Kollaps des Gesundheitssystems fĂŒhrten zu weit verbreiteter Armut und steigender Sterblichkeit. Besonders MĂ€nner im arbeitsfĂ€higen Alter waren betroffen – ihre Lebenserwartung sank 1994 auf nur 62 Jahre. Gleichzeitig brach die Geburtenrate dramatisch ein: WĂ€hrend 1990 noch knapp zwei Kinder pro Frau geboren wurden, waren es im Jahr 2000 nur noch 1,1.

Die Bevölkerung schrumpfte von etwa 52 Millionen (1991) auf unter 49 Millionen (2001). Ärzte und PflegekrĂ€fte erhielten monatelang keinen Lohn, viele wanderten ins Ausland ab. Einen so niedrigen Lebensstandard wie in den 1990er Jahren hatte die Ukraine seit Jahrzehnten nicht erlebt.

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Die Einwohnerzahl der Ukraine sinkt kontinuierlich. Beschleunigt durch den Krieg mit Russland seit 2022

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Spreizung der Einkommen in der Ukraine und anderen LĂ€ndern (2019)

Erst ab 2000 verbesserte sich die Lage langsam. Die Armutsrate sank, und die meisten Haushalte erlebten einen bescheidenen Anstieg des Wohlstands. Dennoch blieb die Ukraine das Ă€rmste Land Europas. Der BevölkerungsrĂŒckgang setzte sich fort – durch niedrige Geburtenraten, hohe Sterblichkeit und Abwanderung. Bis 2023 war die Einwohnerzahl auf etwa 37 Millionen gesunken, verstĂ€rkt durch den seit 2014 andauernden Konflikt mit Russland und den anschließenden Krieg seit 2022.

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Nach dem Ende der Sowjetunion lebten 18 Millionen Menschen mit russischen Wurzeln in der Ukraine – und damitÂ ĂŒber Nacht in einem anderen Land. Ukrainisch wurde zur Staatssprache, allerdings erließ die Ukraine ein Minderheitenschutzgesetz, das die sprachlichen und kulturellen Rechte der ethnischen Russen und der anderen Minderheiten garantieren sollte. Russland machte sich zum „Anwalt" der Russen in der Ukraine. Um das Jahr 2000 besuchten in der Ostukraine noch immer 90% der Kinder eine russischsprachige Schule. 

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Urheber: Maximilian Dörrbecker (Chumwa) - Eigenes Werk, using OpenStreetMap data this file by ВоĐșŃ‚ĐŸŃ€ В for the physical background this file for the orientation map inset

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Karte_der_Krim.png#/media/Datei:Physische_Karte_der_Krim.jpg

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Die Halbinsel Krim

Ein großer Streitpunkt zwischen beiden LĂ€ndern in den 1990er und 2000er Jahren war die Krim. Diese war von strategischer Bedeutung, weil sich in der Krim-Hafenstadt Sewastopol die Schwarzmeerflotte der Sowjetunion befand, die Russland nach dem Ende der Sowjetunion ĂŒbernommen hatte. Sewastopol selbst war ein nationales Symbol. Sie galt als „Heldenstadt", weil sie im Zweiten Weltkrieg so lange Widerstand gegen die deutsche Wehrmacht geleistet hatte.

Schließlich fand man einen mĂŒhsamen Kompromiss: Russland pachtete den Hafen und die Ukraine bekam 18% der Flotte zugesprochen. Die Zugehörigkeit der Krim zur Ukraine wurde von russischer Seite offen oder direkt jedoch immer wieder in Frage gestellt.

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Darstellung

Außenpolitik nach dem Ende des Kalten Krieges: Charta von Paris (1991)

Die russische StaatsfĂŒhrung hat die UnabhĂ€ngigkeit der Ukraine zumindest offiziell nie bestritten. Erst Wladimir Putin tat das. Die Ukraine hat mehrere international gĂŒltige Vereinbarungen geschlossen, die das belegen. An diesen VertrĂ€gen war oftmals auch Russland beteiligt. 1994 sicherten Russland, die USA und Großbritannien der Ukraine gemeinsam das Recht auf volle SouverĂ€nitĂ€t zu. Sie verpflichteten sich, auf jegliche Form von Gewalt und politischem Druck gegenĂŒber der Ukraine zu verzichten. 
Schon in der Charta von Paris hatten sich die europÀischen Staaten 1991 zugesichert, in Zukunft alle Probleme und Konflikte friedlich zu lösen und auf Gewalt zu verzichten. Auch die Sowjetunion hatte diese Charta unterzeichnet.

Marcus Ventzke

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Darstellung

Gewaltverzicht gegen Atomwaffen: das Budapester Memorandum (1994)

Das Budapester Memorandum von 1994 enthĂ€lt Zusagen der Unterzeichnerstaaten – USA, Großbritannien und Russland – gegenĂŒber der Ukraine, die im Gegenzug ihre Atomwaffen abgab.

Achtung der SouverÀnitÀt und Grenzen (Artikel 1)
Die Unterzeichner verpflichten sich, die SouverÀnitÀt der Ukraine zu respektieren und ihre bestehenden Grenzen anzuerkennen. Als Grundlage dient die Schlussakte von Helsinki, ein wichtiges Dokument zur europÀischen Sicherheitsordnung.

Verzicht auf Gewalt (Artikel 2)
Gewalt gegen die Ukraine ist verboten. Diese Verpflichtung beruft sich auf die Charta der Vereinten Nationen, die grundsÀtzlich militÀrische Aggression zwischen Staaten untersagt.

Verzicht auf wirtschaftlichen Druck (Artikel 3)
Die Unterzeichner versprechen, keinen wirtschaftlichen Zwang auszuĂŒben, um die Ukraine zu Entscheidungen zu drĂ€ngen, die nur den Interessen anderer Staaten dienen.

Schutz vor nuklearer Bedrohung (Artikel 4 und 5)
Falls die Ukraine mit Atomwaffen bedroht wird, soll sofort der UN-Sicherheitsrat eingeschaltet werden. Außerdem versprechen die AtommĂ€chte, selbst keine Nuklearwaffen gegen die Ukraine einzusetzen – solange diese Mitglied des Atomwaffensperrvertrags bleibt und keine eigenen Atomwaffen besitzt.

Beratung bei Konflikten (Artikel 6)
Bei Streitigkeiten wollen sich die Unterzeichner miteinander beraten.

zusammengefasst von: Marcus Ventzke

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Quelle

„Russkij Mir – russische Welt"

„Das VerhĂ€ltnis zwischen Russen und Ukrainern zeichnete sich auch in postsowjetischer Zeit durch Asymmetrie aus. Die meisten Russen erkannten die Ukrainer nicht als eigenstĂ€ndige Nation an, sondern betrachteten sie als Teil einer umfassenden orthodoxen russischen Gemeinschaft, der 'russischen Welt' (russkij mir). Im Gegensatz zu den Russen besĂ€ĂŸen sie keine staatsbildende Kraft. Diese Haltung wurde von nicht wenigen Ukrainern geteilt, die sich die russische Kultur und das russisch-sowjetische kulturelle GedĂ€chtnis aneignen konnten."

Andreas Kappeler, Ungleiche BrĂŒder. Russen und Ukrainer. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 3. Auflage, MĂŒnchen 2022, S. 197.

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Quellen

Russische Politiker ĂŒber die Zusammengehörigkeit von Russland und der Ukraine

„Ohne die Ukraine kann es keine Union geben, und es kann auch keine Ukraine ohne Union geben. Diese beiden slawischen Staaten [Russland und die Ukraine] waren fĂŒr Jahrhunderte die Achse, an der sich ein riesiger multinationaler Staat entwickelte. So wird es auch bleiben." (Michael Gorbatschow)

„Es ist unmöglich, aus unseren Herzen zu reißen, dass die Ukrainer unser eigenes Volk sind. Das ist unser Schicksal – unser gemeinsames Schicksal." (Boris Jelzin)

„Die Ukraine ist nicht nur ein Nachbar fĂŒr uns. Sie ist Teil unserer Seele, und wir wollen zusammen sein fĂŒr alle Zeit." (Viktor Tschernomyrdin)

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Aufgabe

Die Ukraine nach 1991

  1. Arbeite die Abschnitte Wirtschaft, Bevölkerung und IdentitÀt durch und notiere stichwortartig Informationen.
  2. Bereite auf der Grundlage dieser Informationen einen Kurzvortrag ĂŒber die gesellschaftliche Lage der Ukraine nach 1991 vor.

Die „Orange Revolution" und die Folgen

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Urheber: Marion Duimel

https://de.wikipedia.org/wiki/Orange_Revolution#/media/Datei:Joesjtsjenko_Marion_Kiev_2004.jpg

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Im Herbst 2004 kam es in der Ukraine zu PrĂ€sidentschaftswahlen zwischen dem prorussischen MinisterprĂ€sidenten Wiktor Janukowytsch und dem prowestlichen OppositionsfĂŒhrer Wiktor Juschtschenko, der zuvor vergiftet worden war. Nach massiven WahlfĂ€lschungen zugunsten Janukowytschs protestierten Hunderttausende Menschen friedlich auf dem Maidan in Kiew.

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Das Oberste Gericht erklĂ€rte die Wahl fĂŒr ungĂŒltig und ordnete eine Wiederholung an, die Juschtschenko im Dezember 2004 gewann. Die sogenannte Orange Revolution galt als erste erfolgreiche Massenbewegung gegen Wahlbetrug im postsowjetischen Raum und sorgte in Russland fĂŒr große Beunruhigung.

Die erhofften Reformen blieben jedoch aus. Politische ZerwĂŒrfnisse und anhaltende Korruption fĂŒhrten dazu, dass Janukowytsch 2010 erneut PrĂ€sident wurde – eine Entwicklung, die spĂ€ter den Euromaidan auslöste.

Der Euromaidan

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Urheber: Evgeny Feldman

https://de.wikipedia.org/wiki/Euromaidan#/media/Datei:Euromaidan_01.JPG

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Proteste mit eindeutiger Ausrichtung: Die Ukraine soll zur EU kommen.

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Urheber: Evgeny Feldman

https://de.wikipedia.org/wiki/Euromaidan#/media/Datei:Euromaidan_03.JPG

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Maidan-Demonstrationen

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Urheber: Mr.Rosewater

https://de.wikipedia.org/wiki/Euromaidan#/media/Datei:%D0%9C%D0%B0%D0%BA%D0%BA%D0%B5%D0%B9%D0%BD_%D0%BD%D0%B0_%D0%84%D0%B2%D1%80%D0%BE%D0%BC%D0%B0%D0%B9%D0%B4%D0%B0%D0%BD%D1%96.jpg

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Rede des US-Senators John McCain auf dem Maidan am 15. Dezember 2013. McCain rief den Massen zu: „America Stands with You!“ (dt.: „Amerika steht auf eurer Seite!")

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Urheber: Estonian Foreign Ministry

https://de.wikipedia.org/wiki/Euromaidan#/media/Datei:FM_Urmas_Paet_spoke_with_Chief_physician_Olga_Bogomolets.jpg

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Der estnische Außenminister Urmas Paet spricht wĂ€hrend der Maidan-Proteste mit der ukrainischen Ärztin Olga Bogomolets (25. Februar 2014)

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Urheber: JĂžMa

https://de.wikipedia.org/wiki/Euromaidan#/media/Datei:Piano_Player_on_Lviv_Market_Place.JPG

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Ein Pianist spielt wÀhrend der Proteste Klavier.

Im November 2013 stoppte PrĂ€sident Janukowytsch ĂŒberraschend ein geplantes Abkommen mit der EU und wandte sich stattdessen Russland zu. Noch am selben Abend versammelten sich Hunderte Menschen auf dem Kiewer UnabhĂ€ngigkeitsplatz (Maidan) zum Protest. In den folgenden Tagen wuchs die Zahl auf Hunderttausende.
Die Demonstranten forderten nicht nur eine weitere EU-AnnĂ€herung, sondern protestierten auch gegen die weitverbreitete Korruption und WillkĂŒr des Janukowytsch-Regimes. Die „Revolution der WĂŒrde" wurde zur ukrainischen Bezeichnung fĂŒr die Ereignisse.

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https://de.wikipedia.org/wiki/Euromaidan#/media/Datei:Independence_square_during_clashes_in_Kyiv,_Ukraine._Events_of_February_19,_2014.jpg

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Brennende Barrikaden auf dem Maidan-Platz

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Urheber: Amakuha

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Euromaidan_in_Kiev_2014-02-19_12-32.jpg

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Kampf der Demonstranten gegen die Polizei

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Urheber: Amakuha

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:2014-02-21_11-00_Euromaidan_in_Kiev.jpg

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VerwĂŒstung nach den KĂ€mpfen

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Urheber: Mstyslav Chernov

https://de.wikipedia.org/wiki/Euromaidan#/media/Datei:Ukrainian_Red_Cross_Society_volunteers_administering_first_aid_to_a_wounded_Euromaidan_protester._Events_of_Jan_19,_2014-5.jpg

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Demonstrant, der wÀhrend der Maidan-Proteste verletzt wurde.

Ende November ließ die Regierung friedliche Studentenproteste brutal rĂ€umen – was die Empörung erst recht anfachte. Im Januar 2014 verschĂ€rfte die Regierung die Protestgesetze, im Februar eskalierte die Gewalt: ScharfschĂŒtzen schossen auf Demonstranten. Über 100 Menschen starben.

Am 21. Februar floh Janukowytsch nach Russland. Das Parlament setzte ihn ab. Die Opposition ĂŒbernahm die Macht. Russland reagierte mit der Annexion der Krim und der UnterstĂŒtzung von Separatisten im Donbas – der Beginn des russisch-ukrainischen Krieges.

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10 Jahre nach dem Euromaidan
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https://www.tagesschau.de/ausland/europa/kiew-maidan-massaker-100.html

PD
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Zusammenfassung

Die ukrainisch-russischen Beziehungen nach 1991

Schwieriger Anfang (1991–1999)

Nach dem Ende der Sowjetunion mussten die Ukraine und Russland ihr VerhĂ€ltnis neu ordnen. Zwei Streitpunkte standen im Vordergrund: Die auf ukrainischem Boden stationierten Atomwaffen und die Schwarzmeerflotte in Sewastopol. Im Budapester Memorandum von 1994 gab die Ukraine ihre Nuklearwaffen ab. DafĂŒr garantierten Russland, die USA und Großbritannien ihre territoriale Unversehrtheit. Der Freundschaftsvertrag von 1997 regelte die Grenzfragen und erlaubte Russland, seine Flotte weiterhin auf der Krim zu stationieren.

Zwischen Ost und West (1999–2004)

Unter PrÀsident Kutschma betrieb die Ukraine eine Schaukelpolitik: Sie pflegte Wirtschaftsbeziehungen zu Russland, kooperierte aber auch mit der NATO und der EU. Problematisch war die starke AbhÀngigkeit von russischem Erdgas, die Moskau spÀter als Druckmittel nutzen sollte.

Orange Revolution und Gasstreits (2004–2010)

Bei der PrĂ€sidentschaftswahl 2004 unterstĂŒtzte Russland offen den prorussischen Kandidaten Janukowytsch. Als massive WahlfĂ€lschungen bekannt wurden, erzwangen Massenproteste – die „Orange Revolution" – eine Wahlwiederholung. Der prowestliche Juschtschenko gewann. In Moskau wuchs die Sorge vor westlichem Einfluss im eigenen Hinterhof.

In den Jahren 2006 und 2009 drehte Russland der Ukraine mitten im Winter das Gas ab. Da die Pipelines nach Westeuropa durch die Ukraine verliefen, waren auch EU-Staaten betroffen. Die Konflikte zeigten, dass Russland bereit war, Energie als politisches Druckmittel einzusetzen.

Euromaidan und Krim-Annexion (2013–2014)

2010 wurde Janukowytsch doch noch PrĂ€sident der Ukraine und nĂ€herte sich wieder Russland an. Als er im November 2013 auf russischen Druck ein Abkommen mit der EU ablehnte, protestierten Hunderttausende auf dem Kiewer Maidan. Nach gewaltsamen Auseinandersetzungen mit ĂŒber 100 Toten floh Janukowytsch im Februar 2014 nach Russland.

Die russische Antwort kam sofort: Soldaten ohne Hoheitszeichen besetzten die Krim. Nach einem international nicht anerkannten Referendum erklĂ€rte Russland die Halbinsel im MĂ€rz 2014 fĂŒr annektiert. Gleichzeitig unterstĂŒtzte Moskau Separatisten in der Ostukraine, wo ein Krieg begann, der bis 2022 ĂŒber 14.000 Todesopfer forderte. Russland brach damit alle zuvor geschlossenen VertrĂ€ge.

Krieg (seit 2022)

Am 24. Februar 2022 griff Russland die gesamte Ukraine an. Die diplomatischen Beziehungen wurden abgebrochen. Was 1991 als Partnerschaft begonnen hatte, endete im grĂ¶ĂŸten Krieg in Europa seit 1945.

Zusammenfassung

Die Geschichte zeigt, wie internationale VertrĂ€ge wertlos werden können, wenn eine Seite sie bricht. Sie zeigt auch den Konflikt zwischen dem Recht eines Staates auf freie BĂŒndniswahl und dem Anspruch einer Großmacht auf eine EinflusssphĂ€re in ihrer Nachbarschaft.

Marcus Ventzke

Wird die Ukraine in Zukunft noch viel abhÀngiger von anderen LÀndern?

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Die Kriegssituation mit Russland seit 2014 und verschĂ€rft durch die volle Invasion Russlands seit 2022 ist fĂŒr die Ukraine in mehrfacher Weise dramatisch. Es ist das Schlimmste, was aus ihrer Sicht hĂ€tte passieren können. Wirtschaftlich ist sie inzwischen zu einem großen Teil von westlichen Zahlungen abhĂ€ngig. Russland zerstört unterdessen jeden Tag weiter ihre Infrastruktur und ihre Wirtschaftsunternehmen. Nach Beendigung des Kriegs werden Schulden bezahlt werden mĂŒssen. Es besteht die Gefahr, dass sie dann den Zugriff auf ihre BodenschĂ€tze und landwirtschaftlichen FlĂ€chen verliert. Gleiches gilt, falls sie den Krieg verlieren sollte. Dann wird Russland ihre NaturschĂ€tze ausplĂŒndern. Schon heute sichern sich die USA den Zugriff auf LagerstĂ€tten fĂŒr seltene Erden in der Ukraine. Traurige Aussichten fĂŒr das geschundene Land.

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Bericht ĂŒber Verhandlungen zwischen den USA und der Ukraine ĂŒber den Zugriff auf Rohstoffe in der Ukraine (Februar 2025)
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Methode

Hinweise zur Vorbereitung, DurchfĂŒhrung und Nachbesprechung einer Podiumsdiskussion

Die Rollen

  1. Moderation (1–2 Personen)
    Leitet die Diskussion, achtet auf faire Redezeiten, stellt Nachfragen und fasst Zwischenergebnisse zusammen.
  2. Ukrainische Regierungsvertreterin / ukrainischer Regierungsvertreter
    Vertritt die Position der ukrainischen Regierung: territoriale IntegritĂ€t, SouverĂ€nitĂ€t, EU- und NATO-Perspektive, Wiederaufbau, Gerechtigkeit fĂŒr Kriegsverbrechen.
  3. Ukrainische Zivilgesellschaft / FlĂŒchtlingsvertretung
    Spricht fĂŒr die Menschen, die unter dem Krieg leiden: Binnenvertriebene, GeflĂŒchtete in Europa, zerstörte StĂ€dte, Familien, die zerrissen wurden. Was brauchen die Menschen konkret?
  4. US-amerikanische Außenpolitikerin / US-amerikanischer Außenpolitiker
    Vertritt amerikanische Interessen: UnterstĂŒtzung der Ukraine, aber auch innenpolitischer Druck, Kosten der Hilfe, strategische Interessen gegenĂŒber Russland und China.
  5. Deutsche/r Außenpolitiker/in
    Vertritt die deutsche und europĂ€ische Perspektive: Sicherheit in Europa, Energiefragen, Kosten der UnterstĂŒtzung, historische Verantwortung, Diplomatie vs. Waffenlieferungen.
  6. Vertreterin / Vertreter eines neutralen Staates (z. B. Indien oder Brasilien)
    Viele LĂ€nder des „Globalen SĂŒdens" haben eine andere Sicht auf den Konflikt: Kritik an westlicher Doppelmoral, eigene wirtschaftliche Interessen, Wunsch nach Verhandlungen statt Eskalation.
  7. Russische Exil-Oppositionelle / russischer Exil-Oppositioneller
    Kritisiert Putins Krieg, muss aber auch erklÀren, wie ein Russland nach Putin aussehen könnte und wie ein Frieden ohne Gesichtsverlust möglich wÀre.
  8. Historikerin / Historiker
    Ordnet die Ereignisse historisch ein: Zerfall der Sowjetunion, Budapester Memorandum, Euromaidan, Krim-Annexion. Welche Lehren bietet die Geschichte?

Mögliche Diskussionsfragen

  • Ist ein Kompromissfrieden möglich – und wenn ja, wie könnte er aussehen?
  • Darf die Ukraine Gebiete abtreten, um Frieden zu erreichen?
  • Welche Rolle sollten NATO und EU spielen?
  • Wie kann die Ukraine wiederaufgebaut werden – und wer bezahlt?
  • Was schuldet Europa den ukrainischen FlĂŒchtlingen?
  • Wie geht man mit russischen Kriegsverbrechen um?
  • Kann es Sicherheit in Europa geben, solange Putin regiert?

Vorbereitung

Jede Gruppe recherchiert ihre Position anhand aktueller Quellen (Nachrichtenartikel, RegierungserklĂ€rungen, Interviews). Bereitet ein kurzes Eingangsstatement (ca. 2 Minuten) vor und ĂŒberlegt, welche Argumente die anderen Seiten bringen könnten.

Reflexion nach der Diskussion

  • Welche Position hat euch am meisten ĂŒberzeugt – und warum?
  • Wo gab es unerwartete Gemeinsamkeiten?
  • Was macht die Lösung dieses Konflikts so schwierig? Wie unterscheidet sich eine Diskussion in verteilten Rollen von eurer eigenen Meinung?
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Aufgabe

Die Zukunft der Ukraine - eine Podumsdiskussion

Bereitet eine Podiumsdiskussion ĂŒber die Zukunft der Ukraine vor. 

Die Leitfrage lautet:

Wie kann eine stabile und gerechte Zukunft fĂŒr die Ukraine aussehen – und wer bestimmt darĂŒber?

Zusammenfassung: Eine unvollkommene Trennung

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