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2.4 Das Deutsche Reich nach dem Ersten Weltkrieg in Europa

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Urheber: aitoff

https://pixabay.com/de/photos/zaun-stil-h%c3%b6lzern-barriere-trennen-1670087/

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Grenzen werden von Menschen gezogen. Aber nach welchen Kriterien?

2.4 Das Deutsche Reich nach dem Ersten Weltkrieg in Europa

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Deutschland fand sich nach dem Ersten Weltkrieg in neuen VerhÀltnissen wieder. Das betraf auch das deutsche Territorium. Viele der Fragen nach staatlicher und nationaler Zugehörigkeit, die sich nach den FriedensvertrÀgen ('Pariser Vorort-VertrÀge') stellten, konnten in den Jahren nach dem Krieg nicht gelöst werden. Und in Mittelosteuropa blieben schwelende, zum Teil auch gewaltsame Konflikte auf der Tagesordnung.
Ich möchte hier anhand einiger Beispiele Konflikten nachgehen, die sich im Zusammenhang mit Deutschlands neuen Grenzen stellten. Waren sie der Ausgangspunkt fĂŒr neue große Kriege in Europa und der Welt? 

1. Das Deutsche Reich nach dem Ersten Weltkrieg: Ein anderes Land

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Der Erste Weltkrieg hinterließ ein zerrissenes Deutschland, im Inneren wie im Außen. 

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Darstellung

Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg – Situation im Inneren

Die Überlebenden mussten damit zurechtkommen, dass all die Opfer des Krieges umsonst gewesen waren, weil Deutschland den Krieg verloren hatte. Das war nicht leicht: Wozu waren Millionen MĂ€nner gefallen? Warum hatten die Menschen in der Heimat gehungert und gefroren?

Hinzu kam, dass das Kaiserreich untergegangen war. Nicht nur alle Überlegenheits- und GroßmachtgefĂŒhle waren verschwunden, es kamen auch all die Nachkriegskrisen: Die WĂ€hrung brach zusammen, die Wirtschaft hatte große Schwierigkeiten und die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen kĂ€mpften fĂŒr ihre Vorstellungen einer besseren Zukunft – oftmals gegeneinander und mit Gewalt.

Es entstanden links- und rechtsextreme politische Parteien und Bewegungen. Die scheinbare StabilitÀt der Gesellschaft des Kaiserreichs war verloren.

Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH

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Darstellung

Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg – Situation im Außen

Mit dem Versailler Vertrag, der Deutschland im Artikel 231 zum Kriegsschuldigen erklĂ€rt hatte, waren erhebliche Folgen verbunden. Deutschland musste umfangreiche Gebietsabtretungen, teilweise Besetzungen und die Leistung von Reparationen hinnehmen. Einige Gebiete gerieten zudem unter die Kontrolle des Völkerbundes und in bestimmten Landstrichen mit Bevölkerungen unterschiedlicher Kulturen und Ethnien wurden auch Volksabstimmungen ĂŒber deren Zugehörigkeit vorgeschrieben.

Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten GmbH

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Versailler Vertrag I musstewissen Geschichte
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https://www.youtube.com/watch?v=wxUVrkbu0_o

Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg
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Viele Probleme stĂŒrzten auf Deutschland nach 1918 ein. Sie waren verbunden mit großen Herausforderungen im Denken und FĂŒhlen der Menschen:

  • ein politischer Umbruch hin zu einer demokratischen Republik, die bei vielen Menschen Unsicherheit auslöste
  • Orientierungslosigkeit nachdem die feste Ordnung von Monarchie, MilitĂ€r und kaiserlicher Verwaltung wegfiel oder sich stark verĂ€nderte
  • rasanter Fortschritt, zum Beispiel in den großen StĂ€dten mit ihren Unterhaltungsangeboten, Massenmedien und einer oftmals sehr offenen Kulturszene

Das alles löste bei unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Empfindungen aus:

  • GefĂŒhle der Freiheit
  • Lust, etwas Neues zu machen

aber auch:

  • Angst vor Krisen, Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichem Abstieg
  • Orientierungslosigkeit
  • Überforderung durch die vielen VerĂ€nderungen
  • Sehnsucht nach der alten Welt

Durch all diese VerĂ€nderungen wurde zum ersten Mal seit langer Zeit auch wieder die Frage aufgeworfen, was dieses Deutschland als Nationalstaat eigentlich sein sollte. In welchen Grenzen definierte sich Deutschland? Welche Gebiete und Menschen gehörten dazu und welche nicht? Solche Fragen waren seit der ReichsgrĂŒndung 1871 nicht mehr gestellt worden.

2. Neue Grenzen: Wer gehört wohin?

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Die Grenzen Europas vor und nach dem Ersten Weltkrieg
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https://www.youtube.com/watch?v=qy2C3nf5kyI

Mittel-Ost-Europa? Was ist passiert nach dem Ersten Weltkrieg: Mal ganz kurz
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Deutschland nach den Vorgaben des Versailler Vertrags
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Aufgabe

Informationen entnehmen und kurz darstellen

  1. Orientiere dich auf der Karte oben. Was bedeuten die Farben, was die unterschiedlichen FlÀchen?
  2. Nenne zwei Gebiete, die Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg abtreten musste? An wen wurden sie abgetreten?

2.1 Was ist da los in Oberschlesien?

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Urheber: Unbekannt

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Powsta%C5%84cy_z_Katowic.jpg

PD

Polnische AufstÀndische aus Kattowitz im Mai 1921

Um die industriell hochentwickelten Grenzregionen Oberschlesiens entbrannte nach dem Ersten Weltkrieg eine Auseinandersetzung zwischen Deutschland und Polen. Dabei ging es um die Frage, zu welchem Land die an Kohlevorkommen, Bergwerken und Industrieanlagen reiche Region zukĂŒnftig gehören sollte. Der Versailler Vertrag sah vor, eine Volksabstimmung ĂŒber den Verbleib des Landes abzuhalten.

Das Ringen um die Abstimmung und die Zukunft des Landes fĂŒhrte zu harten WahlkĂ€mpfen und drei AufstĂ€nden polnischer Nationalisten. Polnischen Bewaffneten standen deutsche FreiwilligenkampfverbĂ€nde gegenĂŒber, die oft noch aus ehemaligen Weltkriegssoldaten bestanden.

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Urheber: Unbekannt, Bundesarchiv, Bild 146-1985-010-10

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_146-1985-010-10,_Oppeln,_Erwartung_der_Wahlergebnisse.jpg

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Oberschlesier in Oppeln erwarten das Abstimmungsergebnis

Das Abstimmungsergebnis war eindeutig und löste den Konflikt trotzdem nicht auf. Am 20. MĂ€rz 1921 stimmten fast 60% der Wahlberechtigten fĂŒr den Verbleib bei Deutschland. Die letzte Entscheidung lag nĂ€mlich beim alliierten Obersten Rat. Und in dessen Entscheidung flossen mehrere andere Interessen und ErwĂ€gungen ein. Letztlich wurden einzelne Teile des Gebiets nach langen und konfliktreichen Beratungen der Alliierten entlang der sogenannten Sforza-Linie trotzdem an Polen abgetrennt. Es handelte sich um die industriell wertvollsten Teile Ostoberschlesiens im Gebiet von Kattowitz und KönigshĂŒtte.

Diese Entscheidung vergiftete das Klima in der Region und zwischen Deutschen und Polen fĂŒr lange Zeit. Unter anderem deshalb, weil die Menschen in einigen Teilen des abgetretenen Gebiets mit ĂŒbergroßer Mehrheit fĂŒr den Verbleib in Deutschland gestimmt hatten. In Kattowitz waren es etwa 85%.

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Quelle

Deutsche Propaganda fĂŒr den Verbleib Oberschlesiens bei Deutschland in Texten

Worin liegt das unzerstörbare Recht der Deutschen auf Oberschlesien? – In der jahrhundertelangen Arbeit an diesem Lande. Sie allein hat es zu dem Edelstein gemacht, den freche, faule HĂ€nde uns heute rauben wollen.

Auch heute noch steht der polnisch sprechende Oberschlesier auf einer verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig tiefen Kulturstufe. Die sogenannte polnische Intelligenz wird ausschließlich durch Zugewanderte  aus hochpolnischen Distrikten verkörpert. Zu irgendwelchen höheren kĂŒnstlerischen und kulturellen Leistungen hat sich der polnisch sprechende Oberschlesier nicht aufzuraffen vermocht. Alles, was er an Kultur errungen hat, ist von Deutschland und von germanischen Elementen in Oberschlesien ausgegangen.

Robert Kurpion, StÀtten der Arbeit, in: Sonderdruck der Schlesischen Zeitung zur Abstimmung in Oberschlesien, Breslau 1921, S. 3.
Kurt PÀtzold, Ist Oberschlesien deutsch oder polnisch? Eine Untersuchung im Sinne der Wilsonschen GrundsÀtze, Breslau 1919, S. 7f.

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Quelle

Deutsche sammeln Geld fĂŒr Oberschlesien

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© Privatarchiv Marcus Ventzke

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Auf dieser Seite des Scheines steht: "Spende 'Drei 3 Mark' FĂŒr Oberschlesien Arbeitsgemeinschaft Glauchau/Stollberg vom deutschen Schutzbund"
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© Privatarchiv Marcus Ventzke

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Auf dieser Seite des Scheines steht: "Helft unserem leiben Oberschlesien! Des Vaterlands GrĂ¶ĂŸe des Vaterlands GlĂŒck! O schafft sie, und bringt sie dem Volke zurĂŒck!"
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Quelle

FĂŒr den Anschluss Oberschlesiens an Polen

Hinweis: Der Text stammt aus einem Aufruf von Wojciech Korfanty (1873-1939), Politiker und AnfĂŒhrer der AufstĂ€nde in Oberschlesien

Oberschlesier!
Das Schicksal Oberschlesiens liegt in den HĂ€nden seiner Bevölkerung und die ĂŒberwiegende Mehrheit dieser Bevölkerung wĂŒnscht sich den Anschluß an Polen. Oberschlesische BrĂŒder, wollt ihr Euch mit Euren Stimmen dem Willen der ansĂ€ĂŸigen Bevölkerung entgegenstellen? Tuet es nicht – es liegt weder im Interesse der ansĂ€ĂŸigen Bevölkerung, noch in Eurem Interesse! Sicherlich ist die AnhĂ€nglichkeit an Eure Heimat in Euch noch nicht erloschen. Mancher von Euch wĂŒnscht zurĂŒckzukehren, um sich stĂ€ndig hier niederzulassen. 
Dies kann nur dann geschehen, wenn Oberschlesien mit Polen vereint wird. Ihr wißt, dass in Deutschland 10 Millionen Menschen zu viel wohnen, daß daher in Oberschlesien, wenn es bei Deutschland bliebe, die einheimische Bevölkerung verdrĂ€ngt wĂŒrde und an ihre Stelle reichsdeutsche Kolonisten kĂ€men.
Ihr seid polnischer Abstammung,
Ihr tragt polnische Namen, Euch wird der Preuße Oberschlesien fĂŒr immer versperren!

Ein Weg steht Euch nur offen, um Euch vor den deutschen Steuern, von der wirtschaftlichen Erschöpfung, der Not und dem Hunger zu retten:
Oberschlesiens Anschluß an Polen!
Wenn ihr aus Deutschland nach dem mit der Republik Polen vereinten Oberschlesien zurĂŒckkehrt und Euch hier niederlasst, werdet ihr die Fesseln zerreißen
Behaltet die Augen offen und tuet das, was Euch das Interesse Oberschlesiens, sowie Euer und Eurer Familien Interesse zu tun gebietet.
In Polen erwartet Euch Freiheit und Wohlstand!
In Deutschland Knechtschaft und Elend!

Beuthen, im MĂ€rz 1921
Wojciech Korfanty

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https://de.wikipedia.org/wiki/Volksabstimmung_in_Oberschlesien#/media/Datei:Plakat_plebiscyt.jpg

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Plakat der polnischen Seite im Wahlkampf zur Oberschlesienabstimmung (1921)

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https://de.wikipedia.org/wiki/Volksabstimmung_in_Oberschlesien#/media/Datei:German_propaganda_poster,_Upper_Silesia_Plebiscite_3.jpg

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Plakat der deutschen Seite im Wahlkampf zur Oberschlesienabstimmung (1921)

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https://de.wikipedia.org/wiki/Volksabstimmung_in_Oberschlesien#/media/Datei:Upper_Silesia_Plebiscite_1921_Fe-_Campaign_Medal_of_the_pro-_German_Side_(obverse).jpg

PD

Diese Medaille zeigt Hedwig von Schlesien. Hedwig hat sich fĂŒr den christlichen Glauben in Schlesien eingesetzt. Sie gilt als GrĂŒnderin der Zisterzienserinnen-Abtei in Trebnitz.

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https://de.wikipedia.org/wiki/Volksabstimmung_in_Oberschlesien#/media/Datei:Upper_Silesia_Plebiscite_1921_Fe-_Campaign_Medal_of_the_pro-_German_Side_(reverse).jpg

PD

RĂŒckseite der Medaille mit der Aussage, dass der christliche Glauben in Oberschlesien sozusagen deutsche Wurzeln habe.

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Aufgabe

Argumente untersuchen

  1. Arbeite aus der Quelle 'fĂŒr den Anschluss Oberschlesiens an Polen' die Argumente Korfantys fĂŒr einen Wechsel nach Polen heraus.
  2. Recherchiere zur außenpolitischen Situation Polens in der Zeit der Volksabstimmung und fertige dazu stichwortartige Notizen an.
  3. Beurteile Korfantys Argumente.
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Ergebnis der Volksabstimmung von 1921
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Weblinks

Interaktive Darstellungen zum Abstimmungsergebnis und zu Oberschlesien nach der Abstimmung

  • Das Ergebnis kann man sehr detailliert auf dieser Karte nachverfolgen.
  • Und in dieser Grafik findest du Informationen ĂŒber die Entwicklungen in Oberschlesien nach der Teilung.
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Online-Eröffnung der Sonderausstellung
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https://www.youtube.com/watch?v=mgCu_jFuwnQ

Eine aktuelle Ausstellung im Oberschlesischen Museum in Ratingen zeigt den Konflikt um Oberschlesien.
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Darstellung

Folgen nationalistisch motivierter Grenzziehungen

Infolge der Volksabstimmung von 1921 und der Teilung Oberschlesiens zwischen Deutschland und Polen, die ein Jahr darauf erfolgte, kam es zu der sogenannten ersten oberschlesischen „Völkerwanderung“. Menschen, die sich mit der neuen Grenzziehung nicht abfinden wollten oder konnten, rĂ€umte die Genfer Oberschlesien-Konvention das Recht ein, jeweils auf die andere Seite der Grenze ĂŒberzusiedeln. Zwischen 1922 und 1924 nahmen rund 200.000 Oberschlesier deutscher und polnischer Gesinnung dieses Recht wahr.
In der Zwischenkriegszeit setzte sich vor allem auf polnischer Seite der Druck zur nationalen Homogenisierung der oberschlesischen Gesellschaft fort. Dem nationalen Druck der einen oder der anderen Seite konnten sich die Oberschlesier durch Ortswechsel entziehen oder ihn durch einen RĂŒckzug ins private Leben kompensieren.

2.2 Eine neue Grenze zwischen Deutschland und Polen: Wem gehört was? Und warum?

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Urheber: Photo: Harris & Ewing / color: Oldphotosincolor

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Roman_Dmowski_in_color.jpg

PD

Der polnische Politiker Roman Dmowski: Er kĂ€mpfte fĂŒr eine Angliederung großer Teile Preußens, Pommerns und Schlesiens an Polen.

Im Ersten Weltkrieg und der Zeit danach traten in Polen einige Politiker sehr stark dafĂŒr ein, in den neuen polnischen Nationalstaat auch Gebiete einzubeziehen, die bislang zum Deutschen Reich gehört hatten, in denen aber viele Menschen mit polnischer Kultur und Sprache lebten. Es ging dabei vor allem um Teile von Preußen, Pommern und Schlesien. Polnische Politiker und Historiker wiesen darauf hin, dass viele Gegenden Preußens etwa durch die deutschen Besiedlungen oder spĂ€ter durch die Aufteilungen Polens zu Deutschland gekommen waren. Die polnischen Vertreter bei den Pariser Friedensverhandlungen setzten sich gegenĂŒber den Westalliierten mit der Forderung durch, einige östliche Gebiete des Deutschen Reiches Polen anzugliedern. In anderen wiederum sollten Volksabstimmungen ĂŒber die staatliche Zugehörigkeit entscheiden.

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Quelle

Die "Vossische Zeitung" aus Deutschland berichtet ĂŒber die Beratungen bei den Verhandlungen von Versailles (1919)

Der „Temps“ schreibt: Die Beratungen der Regierungschefs scheinen sich gegenwĂ€rtig auf die polnische Grenze und das linke Rheinufer zu beziehen. In Bezug auf den ersten Punkt ist man sich noch nicht völlig einig ĂŒber den Grundsatz der Angliederung von zwei bis drei Millionen Deutscher an Polen. Die Regierungschefs scheinen aber darin ĂŒbereinzustimmen, daß, wenn eine solche Einverleibung die angebliche öffentliche Meinung beunruhigen kann, man die gleichen BefĂŒrchtungen hinsichtlich der Deutschland aufzuerlegenden EntschĂ€digungen nicht zu hegen braucht. Die Entente wird sich daher wahrscheinlich eiliger mit der Frage der Wiedergutmachungen als mit der der polnischen Grenze beschĂ€ftigen. (Das heißt, daß die Bestimmungen der Grenze Polen einstweilen zurĂŒckgestellt werden mußten, weil Clemenceau in dieser Frage noch nicht nachgeben will.)

Die Pariser Ausgabe der „Daily Mail“ bestĂ€tigt in ErgĂ€nzung frĂŒherer Meldungen, daß gegen die Einverleibung von zwei Millionen Deutscher durch Bewilligung eines Zugangs zum Meere mit Danzig an Polen von gewisser Seite des Viererrates Einspruch erhoben wird. Eine weitere Vermischung der schon ohnehin sehr vermischten Bevölkerung Preußens scheine den Keim zu neuem Kriege zu enthalten. Die Bildung eines deutschen Irredentismus werde möglichst zu vermeiden gesucht. „Journal“ greift diese Auslegung der „Daily Mail“ scharf an.

Die amerikanischen Delegierten stimmten dem britischen Gesichtspunkt zu, daß der vorgeschlagene Korridor nach Danzig eine gefĂ€hrliche Bedrohung fĂŒr den zukĂŒnftigen Weltfrieden bilden könnte, falls er so groß gemacht werde, daß mehrere Millionen Deutsche darin eingeschlossen wĂŒrden, welche spĂ€ter fĂŒr ihren Anschluss an Deutschland stimmen könnten. Der Völkerbund ist daher vor eine außerordentlich schwierige Frage gestellt.

2.3 Ostpreußen: preußisch, deutsch, polnisch, litauisch ...?

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Urheber: unbekannt

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Scene_at_the_Marienwerder_railway_station.jpg

PD

Ankunft von Abstimmungsberechtigten am Bahnhof in Marienwerder zur Teilnahme an der Volksabstimmung ĂŒber den Verbleib bei Deutschland oder den Wechsel zu Polen. Auch Busse wurden fĂŒr die Wahlpropaganda genutzt.

In Ostpreußen wurden zwei Abstimmungsgebiete bestimmt: Marienwerder und Allenstein. Wie im Versailler Vertrag festgelegt, wurde die Verwaltung dieser Gebiete einer Abstimmungskommission unterstellt, die der Völkerbund bestimmte. Sowohl in Deutschland wie auch in Polen begannen daraufhin Wahlkampfkampagnen, um die WĂ€hler fĂŒr eine bestimmte Entscheidung zu gewinnen. Alle Einwohner der Gebiete, die Ă€lter als 20 Jahre alt waren, durften an der Abstimmung teilnehmen. Auch wer vor dem 1. Januar 1905 in diesen Gebieten geboren worden war, durfte sich beteiligen. Dadurch konnten auch viele polnischsprachige Menschen, die schon vor dem Ersten Weltkrieg in die IndustriestĂ€dte des Ruhrgebiets abgewandert waren, mit abstimmen. 

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© Digitale Lernwelten GmbH. Zur Verwendung im Unterricht freigegeben.

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Abstimmungsgebiete in Ostpreußen: Marienwerder und Allenstein

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Die Abstimmung fand am 11. Juli 1920 statt. Das Ergebnis war formal eindeutig: Im Gebiet Allenstein stimmten 97,9% der Wahlberechtigten fĂŒr den Verbleib bei Deutschland. In Marienwerder waren es 92,4%.

Auch viele polnischsprachige WĂ€hler stimmten somit fĂŒr Deutschland, etwa, weil sie sich davon Vorteile fĂŒr ihre zukĂŒnftige wirtschaftliche Entwicklung versprachen. Viele Angehörige der Volksgruppe der Masuren wollten sich zudem nicht zu Polen bekennen, weil die polnische Kultur von den Deutschen ĂŒber lange Zeit als geringerwertig geschmĂ€ht worden war und sie lieber zu einem vermeintlich höherstehenden Land gehören wollten. Der Wechsel zu Polen, einem Land, das sich zum Zeitpunkt der Abstimmung im Krieg mit Sowjetrussland befand, war einfach fĂŒr viele Menschen kein verlockendes Angebot.

Nur einige Gemeinden, die fĂŒr einen Anschluss an Polen gestimmt hatten, wurden an Polen abgetreten.

Abstimmung ĂŒber den Verbleib bei Deutschland oder die Angliederung an Polen in Ostpreußen (1920)

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Muttersprache Abstimmungsergebnisse
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© Dilewe

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© Dilewe

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Muttersprache Abstimmungsergebnisse
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Aufgabe

Untersuchung des Abstimmungsergebnisses

  1. Beziehe die Informationen ĂŒber die Muttersprache der Abstimmenden auf das Ergebnis der Abstimmung
    1. zuerst in Marienwerder
    2. und dann in Allenstein.
  2. Interpretiere das Verhalten der deutsch- und polnischsprachigen WĂ€hler.
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Darstellung

Das Memelgebiet, deutsch oder litauisch?

Neben Polen erhob auch Litauen, das nach dem Ersten Weltkrieg seine UnabhĂ€ngigkeit vom Russischen Kaiserreich erlangt hatte, GebietsansprĂŒche auf Teile Ostpreußens. Die Erste Litauische Republik forderte wĂ€hrend der Friedenskonferenz in Versailles die Abtretung ostpreußischer Gebiete nördlich des Flusses Memel, in denen auch Litauer lebten und die an Litauen grenzten. Dieses Memelgebiet, ein 140 Kilometer langer und bis zu 20 Kilometer breiter Landstreifen, war der nördlichste Teil Ostpreußens und des Deutschen Reiches. Von den ĂŒber 140.000 Bewohnern bezeichneten sich im Jahr 1925 laut einer litauischen VolkszĂ€hlung 72,5 % als Deutsche und 27,5 % als Litauer.

Anders als in Marienwerder und Allenstein wurde das Memelgebiet ohne Abstimmung der Bevölkerung von Deutschland abgetrennt und nach den Bestimmungen in Artikel 99 des Versailler Vertrages als autonomes Territorium zunĂ€chst der Oberhoheit des Völkerbundes unterstellt und als „Territoire de Memel“ („Memelland“) von einer französischen MilitĂ€rregierung verwaltet. Nach einem Beschluss der Alliierten sollte das Gebiet in einen „Freistaat Memelland“ umgewandelt werden.

Mit diesem Autonomiestatus gab sich Litauen jedoch nicht zufrieden. Ab 10. Januar 1923 besetzten ĂŒber 1000 bewaffnete Litauer das Memelland und die Stadt Memel (litauisch Klaipėda). Das Gebiet wurde jetzt von Litauen annektiert. Offiziell wurde dies als interner memellĂ€ndischer „Klaipeda-Aufstand“ bezeichnet. Die MilitĂ€raktion wurde jedoch von Litauen aus mit einem „SchĂŒtzenbund“ und regulĂ€ren litauischen Soldaten durchgefĂŒhrt. Im Mai 1924 wurde die Annexion in der „Memelkonvention“ vom Völkerbund anerkannt, jedoch musste Litauen der Region eine weitgehende Autonomie gewĂ€hren. Die MemellĂ€nder erhielten automatisch die litauische StaatsbĂŒrgerschaft mit dem Zusatz „BĂŒrger des Memelgebiets“. Dennoch lehnte die ĂŒberwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung die Zugehörigkeit zu Litauen ab

Carsten Becher

2.4 Sudetenland: Angliederung an Österreich, Deutschland oder Teil der Tschechoslowakischen Republik?

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Urheber: Distribution of Races in Austria-Hungary", from The Historical Atlas by William R. Shepherd, 1911

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Germans_in_western_Austro-Hungaria.gif

PD

Aus einem Atlas von 1911: Sprachgrenzen im nordöstlichen Teil Österreich-Ungarns

Zu den MittelmĂ€chten des Ersten Weltkriegs gehörte neben Deutschland auch Österreich-Ungarn. Beide MĂ€chte waren 1918 die Verlierer des Krieges. Am Ende des Krieges zerfiel die Habsburger Monarchie in mehrere einzelne Staaten. FĂŒr viele Menschen des ehemaligen Vielvölkerstaates stellte sich die Frage, wo sie hingehören wollten oder sollten. 
Im böhmischen Teil des ehemaligen Habsburger Reiches lebten gerade in den Grenzregionen viele deutschsprachige Menschen. Man bezeichnete diese Gegend auch als Sudetenland. Im Oktober 1918 riefen deutsche Vertreter dieser Region eine eigene Provinz aus und wollten der neuen Republik Deutschösterreich beitreten. Die Regierung des zugleich neu gegrĂŒndeten Tschechoslowakischen Staates aber wollte diesen Zusammenschluss nicht hinnehmen. Sie wurde dabei von den alliierten Siegern des Weltkrieges unterstĂŒtzt. Die Tschechen beriefen sich auf die historischen Grenzen des alten Königreichs Böhmen und sahen sie als Grenzen des neuen tschechoslowakischen Staates an. Das Sudetenland wurde Teil des tschechoslowakischen Staates. Im Vertrag von Saint-Germain, der 1919 die Folgen der Auflösung des österreichischen Teils der ehemaligen Habsburgermonarchie regelte, wurde diese Zugehörigkeit der Sudeten bestĂ€tigt.

3. Möglichkeiten der Konfliktlösung oder musste das alles in eine neue Katastrophe fĂŒhren?

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Der spĂ€tere Bundesminister fĂŒr Angelegenheiten der Vertriebenen Hans Lukaschek (1885-1960), der von 1929 bis 1933 OberprĂ€sident der preußischen Provinz Oberschlesien und RegierungsprĂ€sident von Oppeln war und nach 1933 gegen das Regime der Nationalsozialisten kĂ€mpfte, sagte 1951, zum 30. Jahrestag der Abstimmung zur Teilung Oberschlesiens: "Die damaligen Ereignisse haben Hitler den Weg bereitet." Viele Deutsche, auch viele deutsche Politiker sahen das schon in der Zeit der Weimarer Republik ebenso.

Doch musste es wirklich so kommen? Gab es nicht auch Zeichen der Normalisierung und eines friedlichen Zusammenlebens zwischen Deutschen und Polen in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen?

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Darstellung

Abmilderung der Folgen der Teilung Oberschlesiens – Bedeutung der "Oberschlesienkonvention" von Genf 1922

Sie (die Teilung Oberschlesiens) durchtrennte nicht nur die einheitliche Wirtschaftsstruktur der Montanregion, sie hinterließ auf beiden Seiten der neu gezogenen Grenze außerdem große nationale Minderheiten. In der Woiwodschaft Schlesien handelte es sich um circa 226.000 Personen, im deutschen Oberschlesien um circa 195.000. Zur Abmilderung der Folgen und zur Etablierung praktikabler Lösungen [...] wurde 1922 in Genf die Oberschlesienkonvention (Genfer BeschlĂŒsse) formuliert, die unter anderem den Minderheitenschutz regelte und Deutschen und Polen das Recht einrĂ€umte, die StaatsbĂŒrgerschaft des Nachbarlandes anzunehmen bzw. in das jeweils andere Land zu emigrieren.

Juliane Tomann, Geschichtskultur im Strukturwandel. Öffentliche Geschichte in Kattowice nach 1989 (= Europas Geschichte im 20. Jahrhundert, Bd. 6), Berlin/Boston 2017, S. 140f.

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Quelle

Regelungen der Oberschlesienkonvention 1922

§ 67

(1) Kein deutscher Staatsangehöriger darf in dem freien Gebrauch einer beliebigen Sprache irgendwie beschrÀnkt werden, weder in seinen persönlichen oder wirtschaftlichen Beziehungen, noch auf dem Gebiete der Religion, der Presse oder bei Veröffentlichungen jeder Art, noch endlich in öffentlichen Versammlungen.

Reichsgesetzblatt, Nr. 10, 1922, S. 273.

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Darstellung

Der polnische Publizist Maciej RybiƄski ĂŒber den Bund der Vertriebenen und die deutsch-polnischen Beziehungen

Die Mehrheit [der Mitglieder des Bundes der Vertriebenen] indes, das sind – trotz allem – Menschen, denen jedwede revanchistische Tendenzen fremd sind und die mit den Landsmannschaften die Erinnerung an das Land der VĂ€ter und der eigenen Kindheit verbindet. Sollten wir ihnen etwa das Recht auf GefĂŒhle absprechen wollen, verlangen, daß ihre Empfindungen politisch eingeengt und die natĂŒrlichen SehnsĂŒchte als antipolnische AktivitĂ€ten abgestempelt werden?

Zitiert nach: Thomas Urban, Deutsche in Polen. Geschichte und Gegenwart einer Minderheit, 2., aktualisierte Auflage, MĂŒnchen 1994, S. 137.

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Aufgabe

FĂŒhren die Probleme der Vergangenheit immer wieder zu neuen Problemen?

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben viele Überlebende gesagt, dass die Regelungen des Versailler Vertrags sehr stark mit dafĂŒr verantwortlich waren, dass die Diktatur der Nationalsozialisten und der Zweite Weltkrieg entstand.
Oft wird dann gesagt, dass viele Deutsche sich ungerecht behandelt und manchmal auch ĂŒberfordert fĂŒhlten, zum Beispiel durch die komplizierten und oftmals willkĂŒrlichen Grenzregelungen.

  1. Arbeite aus den Unterkapiteln 2.1. und 2.2 GrĂŒnde fĂŒr Freundschaften und Misstrauen zwischen Deutschen und Polen heraus.
  2. Arbeite aus den Materialien der Elemente 31 bis 33 Möglichkeiten fĂŒr eine friedliche Lösung von Konflikten heraus.
  3. Recherchiere in der Charta der Heimatvertriebenen von 1950 (https://www.bund-der-vertriebenen.de/charta) nach Belegen fĂŒr den Willen der Vertriebenen, fĂŒr Frieden und Ausgleich einzutreten.
  4. Stelle dir vor, du bist im Bund der Vertriebenen aktiv. Entwickle einen stichpunktartigen Aktionsplan zur weiteren Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen.
  5. Diskutiere diesen Plan in deiner Lerngruppe.

Zusammenfassung

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